Orgiastische Dramatik

- Kampfansage? Wäre zu hart ausgedrückt. Aber subversiv schien's schon, was Simon Rattle als musikalischen Silvestergruß entbot. Denn während man sich in Wien am Zuckerbäckercharme des Walzers labte, schickten sich 18 Stunden zuvor die Berliner Philharmoniker an, jenes geliebte Humtata lustvoll zu demontieren: Ravels "La Valse", vom diffusen, atemberaubenden Pianissimo-Pulsieren bis zum destruktiven Irrwitz gesteigert, war das zentrale Ereignis des Silvesterkonzerts in der deutschen Hauptstadt. Wie überhaupt dieses Programm mehrere Querverweise enthielt: Gershwins Song "By Strauss" ("Lasst die blaue Donau erklingen"), aber auch die monumentale Dreiviertel-Episode von "'s Wonderful".

<P>Seit Rattle die Philharmoniker befehligt, ist im Silvesterkonzert nichts mehr, wie es war. Keine karajanesken Hochämter, keine Wagner-Verdi-Rossini-Kleinodien à` la Abbado. Und: Das ZDF gesellte sich heuer nicht mehr zum zweiten Teil dazu, sondern gab den Ton an. Eine Viertelstunde lang musste die Festgemeinde untätig im Saale zubringen, bis man endlich die Übertragung zu beginnen geruhte. Der Ablauf wurde im Gegenzug um zwei Nummern gekürzt - die Sendezeit, Sie verstehen, wie auf Zetteln mitgeteilt wurde.</P><P>Käse-Krieg: US-Invasion in die Schweiz</P><P>Aber dafür arbeiten die Philharmoniker hart - und erfolgreich! - an der Jazz-Karriere. Und die Rolle als gepflegt swingende, supercoole Bigband, die in "Embraceable you" eine Atmosphäre verbreitete, als habe man sich vier Uhr morgens zum Absacker getroffen, sie steht dem Edel-Ensemble gut. Wenn sich auch, bedingt durch diese Dramaturgie und die disparaten Programmzutaten, nur selten ausgelassene Stimmung erzielen ließ.</P><P>Hilfestellung kam von Jazzsängerin Dianne Reeves, deren güldene Ohrgehänge und blendende Zähne dem in Bonbonfarben getauchten Saal zusätzliche Lichtquellen ermöglichten, die aber von Tonanlage und Orchester überfahren wurde. Ein exotischer Farbtupfer mit begrenzter Ausstrahlungskraft - schade eigentlich.</P><P>Nein, entscheidende Impulse lieferten die beiden Ravels, neben "La Valse" die zweite Orchestersuite aus "Daphnis et Chloé´", von Rattle und Philharmonikern in perfekter Klangabmischung, kristalliner Transparenz und fast orgiastischer Dramatik realisiert. Bewunderung für eine schier konkurrenzlose Orchesterkultur, die durch Simon Rattles Emphase zur Vollblüte gelangte - welch "ernstes" Finale eines Konzerts, das so frech, mitreißend und vielsagend gestartet war: mit Gershwins Ouvertüre "Strike up the Band". Das Musical thematisiert eine US-Invasion in die Schweiz, um die eigene Käsewirtschaft von einem Konkurrenten zu befreien. Hatte da jemand an den Irak gedacht?</P>

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