Orgie der Gemächlichkeit

- In der Villa Wahnfried, allerheiligste Heimstatt des Meisters, liegt eine aufschlussreiche Tabelle. Denn die kündet von Verblüffendem: Pierre Boulez durcheilte den "Parsifal" Anno 1970 in einer reinen Spielzeit von nur drei Stunden, 39 Minuten; 15 Jahre später verweilte James Levine fast 60 Minuten (!) länger in der Partitur. Wagners letztes Opus als Orgie der Gemächlichkeit: Vor allem dies blieb von Levines Bayreuther Deutung haften - und nun auch von der konzertanten Wiederauflage mit den Münchner Philharmonikern im Gasteig.

<P>Luxus-Sound und bestechende Sänger</P><P>Dabei ist gegen die Tempi nicht viel einzuwenden. "Sehr langsam" notierte Wagner fast auf jeder Seite des ersten und dritten Aufzugs. Und wenn ein Orchester auf dem Podium sitzt, das Levines extreme Forderungen mit solch singulärem Klangbewusstsein, mit sämiger Opulenz, trennscharfen Entwicklungslinien und butterweichen Soli beantwortet, wird eine Aufführung zum Ereignis. Zumal die Philharmoniker ja "opernfremd" sind, die knappe Probenzeit an vielen Stellen also nur notdürftige Absprachen erlaubte. Was man merkt: Levines Zeichengebung wird immer minimalistischer, umso intensiver die Körpersprache der Stimmführer, die für Zusammenhalt sorgen müssen.<BR><BR>Mehr noch als viele andere Opern eignet sich der statuarische "Parsifal" fürs Konzert. Gleichwohl bleibt er Theatermusik, was bei Levines Luxus-Sound zu oft ausgeblendet wird. Denn die schier unendlichen Phrasierungsbögen, die er von den Sängern verlangt, transportieren irgendwann nur noch Klang und keine (Text-)Aussage mehr. Episode für Episode wird in diesen Zeitlupen-Exerzitien beleuchtet, ein dramatischer Zusammenhang stellt sich dann kaum her. Am wenigsten im dritten Aufzug, wo Levine die Szene Gurnemanz/ Parsifal völlig verschleppt, dabei vergisst, das das Werk auch Konversationsmusik beinhaltet - sei sie noch so weihevoll.<BR><BR>Immerhin wucherte dieser "Parsifal" mit einer Non-plus-ultra-Besetzung: René´ Pape (Gurnemanz) bestach durch fast liedhafte Prägnanz und kluge Textdurchdringung, empfahl sich als einziger Thronfolger im von Kurt Moll beherrschten deutschen Bass-Fach. Violeta Urmana (Kundry) ist eine der wenigen, die die Partie in ihrer ganzen Vielschichtigkeit verdeutlicht - und dies mit vollendeter Phrasierungskunst und Spitzentönen von triumphierender Üppigkeit. Bei Johan Botha, diesem genauen Gestalter, erstaunte die Mühelosigkeit. Offenbar kann er seinem Tenor alles abverlangen: eine heldische, ausgeglichene und tragfähige Stimme, die sich in dieser Akustik am besten durchsetzt. Außerdem führen Pape, Urmana und Botha den für viele Kollegen beschämenden Beweis: Wagner-Gesang und genaue Diktion schließen sich nicht unbedingt aus . . .<BR><BR>Albert Dohmen (Amfortas) verließ sich auf seinen nicht optimal kanalisierten Vokalstrom, Richard Paul Fink (Klingsor) lieferte routinierte Dämonie. Ein großes Hör-Erlebnis: die fast homogene Fülle von Philharmonischem Chor, Männerchor des bulgarischen Rundfunks und Tölzer Knabenchor, die Grals-Szenen wurden dadurch zu Höhepunkten der Aufführung. Heftiger Jubel, manch ermatteter Abonnent war in den Pausen geflüchtet. Trotzdem ein Jammer, würden die Philharmoniker ihre konzertanten Opern nicht fortsetzen - vielleicht mit "Tristan" und dem Dreigestirn Urmana/Botha/ Thielemann?</P>

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