Orhan Pamuk spaltet die Türkei

- Istanbul - Viel gelesen und viel gehasst: So vielschichtig und verwoben wie seine Romane, in denen Orient und Okzident aufeinander treffen, ist das Verhältnis von Orhan Pamuk und seiner Heimat Türkei. Der 54 Jahre alte Literaturnobelpreisträger tritt als leidenschaftlicher Verfechter des EU-Beitritts der Türkei auf und thematisiert in seinen Werken die konfliktreiche Suche nach Identität zwischen westlich geprägter Moderne und islamischer Tradition.

"So wie ich mir keine Türkei vorstellen kann, die nicht von Europa träumt, so glaube ich auch nicht an ein Europa, das sich ohne die Türkei definiert", erklärte Pamuk, als er 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm. Und dennoch hat er in seiner Heimat viele politische Gegner, die jedem anderen türkischen Autor die höchste Auszeichnung der Literaturwelt gegönnt hätten, nur ihm nicht.

Der am 7. Juni 1952 in Istanbul geborene Schriftsteller wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf und wollte ursprünglich Maler werden. Er studierte Architektur und Journalismus, bevor er mit 24 Jahren unter dem Einfluss des modernen europäischen Romans mit dem Schreiben begann. Bewunderung hegt Pamuk für den Russen Fjodor Dostojewski, "der wie ich am Rande Europas in ständigem Ringen mit europäischem Gedankengut lebt". Ihn befriedige, "dass weite Teile der modernen Literatur gerade aus dieser quälenden Spannung erwachsen sind: Ein Europäer zu sein und gleichzeitig einen großen Abscheu davor zu empfinden".

Seinen eigenen Stil, wie er vor allem in seinen historischen Romanen zum Ausdruck kommt, fand Pamuk mit dem Rückgriff auf die an Bildern reiche islamisch-orientalische Erzähltradition. Seine Werke, von denen "Die weiße Festung" (1985), "Rot ist mein Name" (1998) und "Schnee" (2002) die bekanntesten sind, wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt und mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Faszination, die die europäische wie die türkisch-osmanische Geschichte auf Pamuk ausübt, wirkt in seinen Schreibstil hinein. Übersetzer verzweifeln gelegentlich an seinen komplizierten Satzgefügen. "Für mich sind lange Sätze kein Problem", meint er dazu. "Besonders im Türkischen fließen sie einfach so dahin."

Zum Schreiben sucht der als menschenscheu geltende Autor, der im westlich geprägten Istanbuler Stadtteil Nisantasi aufwuchs, die Stille. Vorzugsweise auf Heybeli-Ada, einer der Prinzeninseln im Marmara-Meer. "Seit meiner Kindheit komme ich in dieses Sommerhaus. Es gibt keinen Lärm, nur die Geräusche der Pferdewagen", erzählt Pamuk. Dennoch zieht es ihn immer wieder in die Stadt am Bosporus, die wie keine andere eine Brücke zwischen Orient und Okzident spannt. "Im Herbst wird es hier traurig, unerträglich. Nicht die Kälte treibt mich fort, sondern die Traurigkeit." Drei Jahre lebte Pamuk mit seiner Frau in die USA, kehrte dann wieder in seine Geburtsstadt zurück, "weil ich mir ein Leben woanders als in Istanbul nicht vorstellen kann". Das Paar hat eine Tochter namens Rüya ("Traum").

Für einen Einschnitt in sein Leben sorgte der vielbeachtete Roman "Schnee" - sein "erster und letzter politischer Roman", wie der Autor betonte. Wie in einem Brennglas fängt Pamuk darin die Spannungen der türkischen Gesellschaft ein - mit überzeugten Islamisten, kurdischen Nationalisten, enttäuschten Linken und putschenden Soldaten als Akteuren. Weil Pamuk in einem Interview davon sprach, dass in der Türkei "eine Million Armenier und 30 000 Kurden umgebracht wurden", wurde er von türkischen Nationalisten angegriffen und wegen "Herabwürdigung des Türkentums" vor Gericht gestellt. Das von internationalen Protesten begleitete Verfahren wurde Anfang des Jahres eingestellt.

Dabei bezieht Pamuk auch gegenüber dem Westen einer Position kritischer Distanz: "Der Westen hat leider kaum eine Vorstellung von diesem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung erlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder religiöse Fundamentalisten einzulassen." Zurzeit schreibt Pamuk, dem Neider und Kritiker in der Türkei Geltungs- und Ruhmessucht vorhalten, an einem Liebesroman. "Politik kommt darin nicht vor."

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