Für den Orient geschaffen

- Unzählige Bücher, Schriften und Übersetzungen hat Annemarie Schimmel im Laufe ihres Lebens verfasst, das sie ganz der Orientalistik widmete. Die 80-jährige Wissenschaftlerin, die 1995 kurz vor der Verleihung des Friedenspreises an sie mit ihrer Kritik an Salman Rushdie für Wirbel sorgte, fand die Zeit reif für einen Rückblik auf ihren aufregenden Werdegang.

<P>Wie erklären Sie sich die Zielstrebigkeit, mit der Sie sich von Kindesbeinen an zur Orientalistin entwickelten?</P><P>Schimmel: Mit sieben Jahren habe ich gemerkt, dass ich für den Orient geschaffen bin und habe das nie als Zufall genommen. Im Arabischen gibt es einen Ausdruck dafür, ungefähr mit "eingeboren" zu übersetzen. Dagegen kann man gar nichts machen. Und ich hatte das unglaubliche Glück, einen Arabischlehrer zu finden, wie man ihn mit fünfzehn braucht - der begeistern konnte, weil er begeistert war.</P><P>Was machte diese frühe Faszination aus? Das Exotische?</P><P>Schimmel: Ich fühlte mich im Orient zu Hause, mehr als bei uns. Ich empfand ihn, da meine Jugend ja in die Nazi-Zeit fiel, auch als Gegengewicht zu allzu viel Germanischem.</P><P>Ist Ihr Tagesablauf noch von der Arbeit dominiert?</P><P>Schimmel: Endlich fragt mich das mal jemand! So lernt man mich am besten kennen: Um viertel nach acht bin ich meist am Schreibtisch. Ab zwölf ist Mittagspause. Dann geht es weiter mit Lesen oder Schreiben. Häufig kommen orientalische Bekannte zum Tee. Um sieben gibt's Nachrichten. Dann geht's weiter mit Übersetzen oder Telefonaten. Um halb elf schlage ich die Bücher zu. Daneben halte ich jährlich etwa 50 Vorträge, demnächst einen im Iran.</P><P>Wie viele Sprachen beherrschen Sie eigentlich?</P><P>Schimmel: Ach, beherrschen! Ich kann einen unvorbereiteten Fachvortrag auf Deutsch, Englisch und Türkisch ohne Mühe halten. Ich habe es auch schon auf Arabisch und Persisch gemacht, da bin ich aber nicht so gut. Französisch war meine erste Fremdsprache, die zweite Latein, nach der Schule habe ich noch Griechisch gemacht, für die Theologie Hebräisch. Einige orientalische Sprachen kann ich bei Bedarf aufwärmen: Urdu, Sindhi, ein bisschen Paschtu und Usbekisch. Tschechisch habe ich gelernt, weil die Tschechen ausgezeichnete orientalistische Arbeit geleistet haben. Dann die skandinavischen Sprachen. Nicht dass ich die alle beherrsche, aber dass ich sie für meine Arbeit verwende, trifft auf viele europäische Sprachen zu. Ich wollte, ich hätte mehr Russisch gemacht. Mit dem Ende des Krieges hatte ich dazu keine Lust. Das bedauere ich. Im nächsten Leben, so es das gibt . . .</P><P>Gab es etwas in diesem Leben, was Ihnen genauso wichtig  war  wie  die  Liebe zur Orientalistik?</P><P>Schimmel: Das war meine Beschäftigung mit der Religionsgeschichte. Ich habe mich in Schweden und Holland um das Problem der ordinierten Pfarrerinnen gekümmert. Ansonsten hat sich alles im orientalischen Bereich abgespielt.</P><P>Wie empfanden Sie bei Ihrer ersten Reise in den Orient nach all der wissenschaftlichen Beschäftigung mit ihm das Leben dort?</P><P>Schimmel: Natürlich ist vieles anders im Orient, als man sich das als träumerisches junges Mädchen vorstellt. Mich interessiert ja immer, wo ich Dichter finde, und das habe ich bisher in jedem Land getan. Ich picke mir die Rosinen heraus. Kritisieren kann man leicht. Ich halte es für wichtig, dass man die positiven Aspekte jedes Landes hervorhebt. Deshalb gelte ich als romantisch.</P><P>Wie kamen Sie denn mit dem Frauenbild klar, das im Orient herrscht?</P><P>Schimmel: 1954 bis '59 waren Frauen in der Türkei sehr frei, es gab mehr Akademikerinnen als in Deutschland. Irak hatte denselben Prozentsatz lehrender Frauen an der Uni wie Deutschland. Mit männlichen Kollegen hatte ich nie Probleme, ich war immer "Ehrenmann". In Deutschland war's nicht anders.</P><P>Sie haben sich in der Debatte um die Friedenspreisverleihung entschieden, nicht zu verzichten. Gibt es rückblickend etwas, von dem Sie sagen: Das war es wert, die Verleihung durchzustehen?</P><P>Schimmel: Das war mein Durchbruch auf internationaler Ebene. Aber ich hab's sehr teuer bezahlen müssen. Gerne hätte ich die Leute getroffen, die mich besonders kritisierten. Nie hörte ich etwas von ihnen.</P><P>Wie sehen Sie das Verhältnis von Orient und Okzident heute?</P><P>Schimmel: Es ist schade, dass nach dem 11. September 2001 das Bild vom Islam so schlecht geworden ist. Terroristen gibt es auch in Nordirland, und man macht dafür nicht das ganze Christentum verantwortlich. Die meisten Menschen haben keine Ahnung von historischen Entwicklungen. Wer weiß schon, was Afghanistan für eine große Kulturnation war. Diese Afghanistan-Geschichte ist mir sehr unter die Haut gegangen.</P><P>Hat die Vermittlungsarbeit von Ihnen und Ihren Kollegen seit dem 11. September sehr gelitten?</P><P>Schimmel: Einerseits ja, andererseits ist das Interesse für den Islam größer geworden. Es ist für uns Orientalisten auch eine Chance, dass wir unsere Arbeit etwas mehr in die Öffentlichkeit bringen.</P><P> </P>

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