Das Original fast vergessen

- Im kurzatmigen Opernbetrieb, der Neubesetzungen allenfalls knappe Verkehrsregeln bietet ("da hinauf und rechts ab"), ist Dieter Dorns "Così` fan tutte" ein Sonderfall. Kaum eine Inszenierung der Bayerischen Staatsoper war so lange mit konstantem Personal zu erleben. Das ist schön - und zugleich ein Problem, hat doch der Fan das "Original" unauslöschbar im Kopf.

<P>Jetzt, elf Jahre (!) nach der Premiere, ist vom ursprünglichen Sextett nur noch Rainer Trost als Ferrando dabei. Den sportiven Teenie kauft man ihm weiterhin ab - und überhört dabei gern manch vokale Verengung. Und die Kollegen? Lassen einen, zumindest stimmlich, die Erstbesetzung fast vergessen.<BR><BR>Zwei starke Frauen dominieren diese "Così`": Daniela Sindram, seit Herbst Ensemblemitglied, gestaltet die Dorabella mit der dunklen, herben Anmut ihres Mezzos und lässt durchs aristokratische Spiel stets das aufgekratzte Mädchen schimmern. Angela Marambio (Fiordiligi) arbeitet vor allem mit den immensen Möglichkeiten ihres Soprans. <BR></P><P>Koloraturen, lyrische Feinzeichnungen, dramatische Ausbrüche, die als (selbstironische) Brünnhilden-Geschütze abgefeuert werden: Alles gelingt makellos und mit klugem Stilempfinden. Veronica Cangemi (Despina) gibt überzeugend das Putzfrauenbiest, während man bei der Grandezza von Thomas Allens Alfonso stets den Giovanni mitdenkt. Vor allem klingt er jugendlicher als Hanno Müller-Brachmann, der viel vokales Erz und großen Nachdruck in die Guglielmo-Partie legt, darstellerisch Rainer Trost jedoch ideal ergänzt. Mit Ivor Boltons sonnigem Temperament hat die Aufführung auch im Orchestergraben hörbar gewonnen, obwohl er manch Mozart'sches Detail etwas überdeutlich ausstellt.<BR><BR>Dass Dorns Konzept auf einer der schönsten Bühnen, die Jürgen Rose je für München schuf, noch immer greift, überrascht kaum. Eine Produktion, die nicht auf Moden schielt, sondern mit genauem, schwebeleicht inszeniertem Wissen um menschliche Unzulänglichkeiten berührt, bewahrt sich auch im zwölften Jahr Aktualität. Dem künftigen Intendant Christoph Albrecht müsste das doch zu denken geben: Mit einem neuen "Don Giovanni" wäre Dieter Dorns hiesiger Da-Ponte-Zyklus komplett . . .</P>

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