Andra Day brilliert als Jazzstar Billie Holiday
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Sie ist eine großartige Sängerin und überzeugt in ihrem Schauspieldebüt: Andra Day als Billie Holiday in „The United States vs. Billie Holiday“.

„The United States vs. Billie Holiday“ digital gestartet

Bereit für den ersten Oscar? Andra Day spielt Billie Holiday

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Andra Day gibt als Billie Holiday ihr Schauspieldebüt in „The United States vs. Billie Holiday“. Den Golden Globe hat die 36-jährige Sängerin dafür bereits erhalten. Nun könnte der Oscar folgen.

  • „The United States vs. Billie Holiday“ ist als Stream verfügbar.
  • Andra Day überzeugt in der Rolle der Jazz-Legende Billie Holiday.
  • Für ihre Leistung könnte Day den Academy Award gewinnen.

Der Kontrast ist extrem. Da steht die zierliche Frau allein auf der Bühne, das Licht eines Scheinwerfers schält sie aus der Finsternis. Sie trägt eine weiße, schulterfreie Robe, an ihren Ohren und um den Hals funkelt es prachtvoll. Nichts stört die Stille; das Publikum ist nur zu erahnen. Dann hebt Billie Holiday an zu singen – die erste Strophe noch ohne Begleitung ihres Orchesters. „Southern Trees bear a strange Fruit/ Blood on the Leaves and Blood at the Root/ Black Body swinging in the Southern Breeze/ Strange Fruit hanging from the Poplar Trees.“

Die stilvolle, zerbrechliche Inszenierung des Auftritts treibt die Brutalität des Textes ins kaum zu Ertragende. Die „sonderbare Frucht“, die da an Bäumen in den Südstaaten hängt, sind die Leiber der Schwarzen, gemeuchelt von Rassisten. „Strange Fruit“, diese behutsame Nummer, ist eine wuchtige Anklage gegen die Lynchmorde, die den Süden der USA bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erschütterten. Holiday machte den Song von Abel Meeropol 1939 im New Yorker Café Society bekannt.

Die Künstlerin (1915-1959) schuf damit eine herzzerreißende Hymne, die zum Protestlied der Bürgerrechtsbewegung wurde – und galt fortan als Staatsfeindin. Davon erzählt Lee Daniels in seinem Film „The United States vs. Billie Holiday“, der jetzt bei Amazon Prime Video und iTunes erhältlich ist. Freilich hätte auch diese Produktion einen Kinostart, eine Leinwand und eine leistungsstarke Soundanlage verdient – doch bleibt es Corona-bedingt bei der digitalen Auswertung; DVD und Blu-ray gibt es ab 14. Mai.

„The United States vs. Billie Holiday“ wurde von Lee Daniels inszeniert

Regisseur Daniels nimmt die politische Verfolgung der Künstlerin in den Fokus: Ihre Drogensucht sollte für die Beamten der Knebel sein, um Holiday mundtot zu machen. Harry J. Anslinger, ein Rassist vor dem Herrn und Chef des Federal Bureau of Narcotics, sieht im Kampf gegen die Sängerin eine Lebensaufgabe und lässt sie durch Jimmy Fletcher ausspionieren. Der Agent erlebt selbst Rassismus an seinem Arbeitsplatz in der Behörde und beginnt mit der Zeit, den Feldzug zu hinterfragen. All das ist belegt – ob Fletcher und Holiday tatsächlich ein Paar waren, darf indes bezweifelt werden.

Der Dramaturgie des Films schaden die Freiheiten jedoch nicht, die sich Daniels hier und andernorts nimmt. Vielmehr gelingt es ihm so, das Porträt einer widersprüchlichen Frau zu zeichnen. Einer Frau, die als Künstlerin tonangebend ist – sich aber von den Zecken im Showgeschäft aussaugen lässt. Einer Frau, die gefangen ist in einem Netz toxischer Beziehungen – und daher blind für wahre Liebe. Einer Frau, die glaubt, schwach zu sein – und ihre Macht erst spät erkennt.

Andra Day ist für den Oscar nominiert

Es beeindruckt, wie Daniels und Hauptdarstellerin Andra Day diesen Moment zeigen: Tatsächlich hat Holiday gezögert, „Strange Fruit“ ins Repertoire zu nehmen – zu sehr unterschied sich der Titel von ihrem Standardprogramm. Lange hält sie sich auch an die Auflage, das Lied nicht öffentlich zu interpretieren. Als sie aber durch den Süden tourt, sieht die Sängerin zufällig das Opfer eines Lynchmords, die verzweifelten Angehörigen umringen den Baum. Entsetzt flieht sie vom Tatort, irrt heulend und würgend durchs Haus des Getöteten. Dann wendet Day sich der Kamera zu, verlässt die Szene entgegen der Laufrichtung, ändert also sprichwörtlich ihr Leben, und geht in einen Nebenraum. Von hier schreitet sie direkt auf die Bühne, um das Klagelied zu singen.

„The United States vs. Billie Holiday“ hätte einen Kinostart verdient

Der Film mag zwar manchmal zerfasern zwischen Rückblenden, Drogenrausch und den vielen Möglichkeiten der Bildgestaltung. Kraftzentrum ist aber stets Andra Day; die Sängerin gibt hier ihr Schauspieldebüt. Ihre facettenreiche Darstellung, ihr kluger Gesangsvortrag, ihr gackerndes Lachen: Die 36-Jährige hat einen treffenden, doch eigenen Zugang zur Ikone Holiday gefunden. Dafür wurde sie mit dem Golden Globe geehrt – jetzt könnte der Oscar folgen.

Im Fall „The United States vs. Billie Holiday“ gab der Staat übrigens keine Ruhe. Als die Jazz-Sängerin mit 44 Jahren am 17. Juli 1959 starb, standen Polizisten um ihr Bett. Um sie zu verhaften.

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