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Neun Nominierungen für „Im Westen nichts Neues“: Jetzt hofft deutscher Netflix-Film auf die Oscar-Gala

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Von: Michael Schleicher

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Die Macher von „Im Westen nichts Neues“ haben neun Mal die Chance auf einen Oscar.
Auf dem Weg nach Hollywood: das „Im Westen nichts Neues“-Team mit (v. li.) Regisseur Edward Berger, die Schauspieler Albrecht Schuch, Felix Kammerer, Edin Hasanovic und Produzent Malte Grunert. © Annette Riedl/dpa

Die Netflix-Produktion „Im Westen nichts Neues“, Edward Bergers Neuverfilmung des Romans von Erich Maria Remarque, ist in neun Kategorien für einen Oscar nominiert.

Optimismus gehört zum Filmemachen genauso dazu wie der Puder zum Make-up. Doch diese Nachricht, die am Dienstagnachmittag (24. Januar 2023) aus Hollywood nach Deutschland gemeldet wurde, dürfte wohl wirklich alle, die sich mit Film beschäftigen, überrascht haben. „Im Westen nichts Neues“, die Neuverfilmung des Romans von Erich Maria Remarque (1898-1970), ist in neun Kategorien für einen Oscar nominiert. Wie berichtet, hat Edward Berger das Werk, das 1928 erstmals als Fortsetzungsgeschichte in der „Vossischen Zeitung“ erschien, für Netflix in Szene gesetzt. Nach ihrem Kinostart im vergangenen Herbst ist die Produktion seit Ende Oktober bei dem Streamingdienst im Angebot. (Lesen Sie hier unsere Kritik zum Netflix-Film „Im Westen nichts Neues“ von Edward Berger.)

„Im Westen nichts Neues“ läuft seit Oktober 2022 bei Netflix

Deutschland hat die Arbeit in der Kategorie „Beste internationale Produktion“ ins Rennen um den wichtigsten Filmpreis der Welt geschickt. Hier konkurriert sie mit „Argentina, 1985“ (Argentinien), „Close“ (Belgien) und „EO“ (Polen). Doch darüber hinaus hat die Filmakademie in Hollywood das Drama in den Sparten Kamera, Filmmusik, Maske/Frisuren, Produktionsdesign, Sound, visuelle Effekte und für das beste adaptierte Drehbuch nominiert. „Im Westen nichts Neues“ tritt außerdem in der wichtigsten Oscar-Kategorie „Bester Film“ an. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Preises, dass ein deutsches Werk hier Chancen auf den Sieg hat. „Ich bin ein bisschen überwältigt“, teilte Edward Berger mit. Der Regisseur dreht derzeit sein neues Projekt in Rom.

Szene aus dem Netflix-Film "Im Westen nichts Neues"
„Im Westen nichts Neues“ geht nah ran an die Soldaten. Hier eine Szene mit Felix Kammerer als Paul. © Reiner Bajo/Netflix

Neben „Im Westen nichts Neues“ bekam auch die Tragikomödie „The Banshees of Inisherin“ neun Nominierungen; der Film von Martin McDonagh läuft derzeit in den deutschen Kinos. Die Leinwand-Biografie „Elvis“ von Regisseur Baz Luhrmann wurde acht Mal nominiert, Steven Spielbergs Familiendrama „Die Fabelmans“ sieben Mal. „Top Gun: Maverick“ erhielt sechs Nominierungen, „Black Panther: Wakanda Forever“ kam auf fünf. James Camerons „Avatar“-Fortsetzung „The Way of Water“, die gerade international mehr als zwei Milliarden US-Dollar an den Kinokassen eingespielt hat, ist vier Mal nominiert.

Die Oscars werden am 12. März 2023 in Hollywood verliehen

Größter Favorit bei der 95. Oscar-Gala, die heuer am 12. März 2023 im Dolby Theatre in Hollywood stattfindet, ist der Science-Fiction-Film „Everything everywhere all at once“ (deutscher Starttermin: 28. April 2023) mit elf Nominierungen. Die Produktion von Dan Kwan und Daniel Scheinert läuft unter anderem in den Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“. Michelle Yeoh ist in ihrer Rolle als Besitzerin eines Waschsalons als beste Schauspielerin nominiert.

Der Komponist Volker Bertelmann ist für seine Filmmusik zu „Im Westen nichts Neues“ bei den Oscars 2023 nominiert
Volker Bertelmann komponierte die Musik zu „Im Westen nichts Neues“ und ist ebenfalls für einen Oscar nominiert. © Rolf Vennenbernd/dpa

Wie in Remarques Roman steht im Zentrum von „Im Westen nichts Neues“ der Abiturient Paul Bäumer. Der junge Mann und seine Spezln haben sich – angesteckt vom Hurra-Patriotismus der Autoritäten – freiwillig für den Krieg gemeldet und kämpfen 1917 an der Westfront in Frankreich. Schonungslos rückt die Kamera von James Friend den Soldaten auf den Leib, fängt Todesangst, Verzweiflung, Brutalität in Nahaufnahmen ein und hetzt durch die klaustrophobische Enge der Schützengräben – Friend hätte einen Oscar sehr verdient. Sein Schlachtengemälde in Grau-Grün-Dreck kontrastiert die Regie durch eindrucksvolle Aufnahmen unberührter Natur und durch Szenen von großer ästhetischer Strahlkraft, die ihre Perversion erst entfalten, wenn klar wird, dass dieses optische Fest von Leuchtgranaten zur Erhellung des Schlachtfelds stammt.

„Im Westen nichts Neues“ ging bei den Golden Globes leer aus

Vor allem für die Nebenrollen hat Berger, der sich für seine Adaption mitunter weit, aber oft nachvollziehbar von der Vorlage entfernt, eine überzeugende Besetzung gefunden: allen voran der famose Albrecht Schuch, der dem langgedienten Soldaten Stanislaus Katczinsky beeindruckende Tiefe gibt. Leider fällt im Ensemble ausgerechnet Felix Kammerer als Paul ab. Die Überforderung des Rekruten zeigt er zwar nachvollziehbar. Dann jedoch gelingt es ihm kaum, seine Figur zu entwickeln; wenn Paul abgestumpft dem letzten Gefecht entgegenmarschiert, bleibt diese Resignation Behauptung. „Im Westen nichts Neues“ ging bekanntlich bei den Golden Globes, die vielen Experten als Vorboten der Oscars gelten, leer aus. Doch spätestens seit Dienstagnachmittag ist klar: Hollywood liebt Überraschungen.

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