Oscar-Verleihung: Trend zur Schonungslosigkeit

Hollywood - Die 80. Oscar-Nacht in Hollywood brachte dem Western-Thriller "No Country for Old Men" der Gebrüder Joel und Ethan Coen vier goldfarbene Statuetten ein.

Die Zeiten haben sich geändert. Vorbei die Jahre, in denen man in Hollywood selbst der größten Katastrophe noch eine Krankenhauspackung Süßstoff beimengen musste, um Chancen auf einen Academy Award zu haben. "Titanic" könnte heute zwar nicht ohne Liebesgeschichte, aber vielleicht mit etwas weniger Celine-Dion-Klängen im Hintergrund auskommen. Denn der neue Trend des US-amerikanischen Kinos besteht zweifelsfrei in schonungslosem Realismus. Inzwischen wagen die großen Studios, was sich bislang nur die unabhängigen Filmemacher zutrauten. Mit einigem Erfolg, wie die Verleihung der Oscars in der Nacht von Sonntag auf Montag bewies.

Eine vorlaute Provinzschülerin wird beim ersten Sex schwanger und beschließt, nicht abzutreiben, sondern das Kind zur Adoption freizugeben. Filme dieses Inhalts konnten bis vor kurzem vielleicht beim Sundance-Festival von Indie-Ikone Robert Redford einen Blumentopf gewinnen. Bei der Oscar-Verleihung wurden Produktionen ähnlicher Thematik nicht einmal nominiert. Jetzt hat Diablo Cody, die üppig tätowierte Drehbuchautorin des Komödienwunders "Juno" (ab 20. März bei uns im Kino) für diese Geschichte einen Oscar erhalten. Die Zeiten haben sich geändert, und man kann nur hoffen, dass künftig nicht nur Mrs. Cody, sondern recht viele ihrer Kollegen besser bezahlt werden als bisher.

Wie wichtig gute Dialoge sind, gerade wenn kaum etwas gesagt wird, beweisen mehrere der prämierten Filme. Kein Wort zu viel kommt zum Beispiel Daniel Day-Lewis als erbarmungsloser Ölbaron in Paul Thomas Andersons großartigem "There Will Be Blood" über die Lippen. Day-Lewis durfte bereits 1990 einen Oscar als bester Hauptdarsteller mit ins heimische Irland tragen. Damals spielte er den behinderten Schriftsteller Christy Brown in "Mein linker Fuß". Es waren die Jahre, in denen eine nur halbwegs ordentlich gespielte gesundheitliche Beeinträchtigung nahezu ausweglos auf die Liste der Oscar-Nominierungen führte: "Rain Man", "Zeit des Erwachens", "Gottes vergessene Kinder".

Die Zeiten haben sich geändert. Irak, Iran, Afghanistan. Die USA sind nicht mehr die Nation der Gutmenschen vom Dienst, die Heimat der Friedenstauben und Care-Paket-Versender, sondern ein Land, dessen zivilisatorischer Firnis in den vergangenen Jahren brüchig geworden ist. Schon die ersten Siedler waren keine Lämmer, sondern Wölfe im Schafspelz, getrieben von flammendem Ehrgeiz, Machtwillen, Hass und Neid. Die Urururenkel erzählen jetzt mit scharf konturierter Intensität davon. Die brennend aktuelle Dokumentation "Taxi to the Dark Side" über die brutalen Verhörmethoden mutmaßlicher Terroristen zeigt das sehr deutlich.

Der Regie-Oscar für die Brüder Joel und Ethan Coen und ihren apokalyptischen Spät-Western "No Country for Old Men" ist der deutlichste Beweis dafür. Seit ihrem Spielfilmdebüt "Blood Simple" von 1984 ist Amerika bei den Coens eine wunderschön fotografierte Wildnis, in der jeder sich selbst der Nächste und der Alltag einem erbarmungslosen Überlebenskampf gewichen ist. Ähnlich beschreibt der Pulitzerpreisträger Cormac McCarthy sein Land. Für "No Country for Old Men" haben sich drei Menschen mit ganz ähnlicher Weltsicht und nahezu deckungsgleichem schwarzen Humor zusammengetan. Das Ergebnis ist phänomenal.

Hätte diese Produktion nicht die wichtigsten Oscars abgeräumt, müsste man an der Zurechnungsfähigkeit der Academy-Mitglieder zweifeln. Dazu gab es in den vergangenen Jahren regelmäßig Anlass. Diesmal sorgte die siebenfache Nominierung für den gepflegten Langweiler "Abbitte" nach dem Roman von Ian McEwan im Vorfeld für Sorge. Früher waren derartige Produktionen eine sichere Bank. Man denke an ähnlich in Eleganz erstarrte Literaturverfilmungen wie "Der englische Patient".

Diesmal gab es nur einen Trost-Oscar für die Filmmusik. Anscheinend konnte sich dem neuen Geist niemand verschließen. Historienschinken wie "Gladiator" oder "Shakespeare in Love" haben ausgedient. Die USA giert nach Wandel und Veränderung. Schön, dass man das künftig auch im Kino bemerken kann.

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