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„Die Goethe-Scheiße interessiert mich nicht“

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Von: Katja Kraft

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Bei ihm muss es knallen. Wie in amerikanischen Independentfilmen, die Oskar Roehler zeitlebens geschaut hat. © Foto: dpa

Er gilt als der Bad Boy der deutschen Kino- und Literaturszene. Oskar Roehler eckt an. Zuletzt mit seinem Buch „Die Selbstverfickung“. Nun folgt der Kinofilm „Herrliche Zeiten“ - eine herrlich bitterböse Gesellschaftssatire. Wir trafen den ungemein charmanten 59-Jährigen in Berlin. Ein Gespräch über politische Korrektheit, langweilige Literatur und das Böse in uns allen.

-In der Pressemappe wird betont, dass Thor Kunkel zu der Zeit, als Sie sich für die Verfilmung seines Buches entschieden, ein politisch unbeflecktes Blatt war. Nervt Sie diese politische Korrektheit?

(Lacht herzlich.) Ja, klar. Aber was soll man machen? Wenn Sie das sofort rauslesen, dass da so eine Brücke zum Politisch Korrekten gebaut werden soll, die Ihnen vielleicht ziemlich brüchig erscheint, kann ich da nicht widersprechen. Aber ich finde den Hinweis insofern schon richtig, weil ich in letzter Zeit damit konfrontiert werde, dass irgendjemand schreibt: „Und jetzt verfilmt er auch noch einen Roman von Thor Kunkel.“ Dagegen muss ich mich wehren. Es ist ein Fakt, dass es, als „Subs“ rauskam, keine politischen Diskussionen um Thor Kunkel gab.

-Angesichts von Debatten um Dieter Wedel, Kevin Spacey oder eben Kunkel steht die Frage im Raum: Darf man Kunst unabhängig vom Künstler genießen? Was meinen Sie?

Oh, da machen Sie ein großes Fass auf. Erst einmal muss ich sagen, dass die #MeToo-Debatte eine vorgeschobene Debatte ist. Es geht im Grunde darum, dass Frauen, die sich sehr lange depraviert gefühlt haben durch männliche Selbstherrlichkeit, nun einen interessanten revolutionären Schritt gemacht haben, um politisch und wirtschaftlich an Bedeutung zu gewinnen. Für mich ist das ein erster Schritt der Übernahme, für den ich 100 Prozent bin. Ich habe nichts gegen das Matriarchat. Alles andere ist gescheitert. Die Welt soll ja gerettet werden – und das schaffen die Männer nicht. Das sieht jeder und das weiß jeder. Um Kevin Spacey ist’s mir schade, den mochte ich wirklich. Das ist echt ein Verlust. Ob Filme von Polanski oder Woody Allen weiter gezeigt werden, ist mir ehrlich gesagt piepegal, die interessieren mich nicht mehr.

-Die Frage ist ja auch: Wo fangen wir an, wo hören wir auf – denn man weiß ja gar nicht, wer alles Dreck am Stecken hat.

Und ich finde die Debatte wahnsinnig deprimierend. Ich bin in einem Zeitalter groß geworden, in dem Sex einen anderen Stellenwert hatte. Wenn man jetzt fordert, dass ein Regisseur, der politisch unkorrekte Äußerungen am Set gemacht hat, davon verbannt wird, finde ich das schwierig. Weil die Betreffenden alle Kaliber sind, die mit political Incorrectness spielen. Das sind oft Zyniker, das sind oft machtbesessene Wilde, deswegen sind sie dahin gekommen, wo sie heute sind. Das sind auch Leute, die Menschen verachten. Vielleicht, weil sie wenig Empathie haben und unglücklicherweise noch dazu viel intelligenter sind als andere.

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Der Sklave und seine Herrschaften: Evi (Katja Riemann) und Claus (Oliver Masucci) haben sich Bartos (Samuel Finzi) in ihre Villa geholt. Er möchte ihnen aus freien Stücken dienen. © Foto: Concorde

-Künstler müssen keine guten Menschen sein?

Nein. Ingmar Bergman war kein guter Mensch, Rainer Werner Fassbinder war kein guter Mensch, Pier Paolo Pasolini war kein guter Mensch, David Lynch war mit Sicherheit auch kein guter Mensch und Alfred Hitchcock ebenso wenig. Mich nervt, wenn die Debatte ständig im Kreis läuft und am Horizont nicht etwas Größeres sichtbar wird. Dann führt eine Diskussion zu so einer Art von Autoimmunselbstdistructiveness, die den Ärger in der Gesellschaft noch vergrößert und den Hass der verschiedenen Gruppen aufeinander. Es muss was Großes kommen! Sollen die Frauen kommen, sollen sie halt mutig sein – und dann müssen Sachen passieren.

-Dann muss es knallen wie in Ihrem Film, oder? Wie viel Spaß hatten Sie an der vorletzten, ziemlich rabiaten Szene?

Sehr, sehr, sehr viel Spaß. Das war eine wunderbare, herrliche Szene, das ist mein Highlight. (Lacht.)

-In dieser Szene kommt der sonst so weit entfernte Krieg plötzlich in die Nachbarschaft. Durch einen Iraker, der Gewalt in die scheinbar friedliche Villengegend, in der die Protagonisten leben, bringt.

Ja, das ist eine tolle Idee von Drehbuchautor Jan Berger gewesen. Dass hier Leute, die überhaupt nicht mehr in der Lage sind, zur Selbstverteidigung einen Finger zu rühren, und Krieg nur aus dem Fernsehen kennen, einen Fehler machen – und dann öffnen sich für sie die Pforten der Hölle. Ich war mal Zeuge einer Szene in einer Selbsthilfegruppe. Da erzählt ein Mann, dass er immer seine Muskeln trainiert hatte, um seiner Frau zu gefallen. Und dann wäre sie eines Tages auf einem Parkplatz fast vergewaltigt worden – doch er hatte nicht die Mittel dazu, diesen Typen anzugreifen. Worauf ihn die Frau so verachtet hat, dass sie ihm, nachdem das Ding vorüber war, die Faust in die Fresse gehauen hat. (Lacht.) Und dieser arme Kerl hockte da, dieser Tropf, mit seinen großen Muskeln, in einer Gruppe für Männer, die von ihren Frauen geschlagen werden.

-Die Geschichten liegen auf der Straße!

Absolut! Der Film fragt: Wie ist dieses Gen verloren gegangen, zumindest für die Selbstverteidigung noch zu sorgen? Und dann ist da das Grundmotiv, dass die Moral des Einzelnen auf die Probe gestellt wird. Ein beliebtes filmisches Sujet. Du wirst ja im echten Leben nicht so leicht auf die Probe gestellt.

-Gott sei Dank!

Naja gut, man hört schon ab und zu von Fällen, die in Mord und Totschlag enden. Das find’ ich ja immer die interessanten Geschichten. Die gab’s früher im „Stern“ und in der „Quick“ – diese schrecklichen Sachen, die in der Provinz stattgefunden haben. Mädchen, die davon träumen, ganz nach oben zu kommen – und Leichen pflastern ihren Weg. So was liebe ich. Aber dieses Genre hat sich in Deutschland nie durchgesetzt, weil die ja gar keinen Spaß haben an den wirklich heißen, geilen Geschichten.

-Woran liegt das?

Ach, weil sie einem immer so eine Moral aufstülpen müssen. Sie sind ja damit aufgewachsen, dass sie Schuld auf sich geladen haben.

-Wieso trauen Sie sich, das anders zu machen?

Ich hab’ mein Leben lang fast nur amerikanische Independentfilme gesehen. Ich bin einfach ausgeschert, auch was die Literatur angeht. Ich hab’ mich nicht mit der deutschen Kultur beschäftigt die letzten 30 Jahre. (Lacht.)

-Gott sei Dank – oder kommt nun die Phase, in der Sie sagen: „Das hole ich jetzt nach!“?

Gott sei Dank! Aber ja, natürlich hab’ ich deutschsprachige Literatur immer mal wieder gelesen. Aber nicht den gesamten Kanon der quasi vom bürgerlichen Establishment vorgeschriebenen, in der Schule schon begonnenen Goethe-Scheiße. Goethe-Scheiße hab’ ich immer ausgelassen.

-Weil’s Sie langweilt.

Ja, weil ich’s furchtbar schlecht und langweilig finde, ich könnte da stundenlang drüber reden.

-Noch mal zurück zum Film, am Ende geht es darin auch um die Frage: Was müssen wir ausblenden, um jemanden töten zu können?

Den ganz, ganz dünnen Firnis der Zivilisation, den man uns mühsam beigebracht hat, den muss man ausschalten. Aber das machst du mit ’nem Fingerstreich. Und schon ist er weg. Unbeobachtet sind alle zu allem im Stande. Da kann mir keiner was anderes erzählen.

-Zu allem?

Alle zu allem, ja.

-Glauben Sie wirklich?

Ja, ich glaube, wenn die Dosis hoch genug ist an Schmerz, Erpressung, Hass und Verachtung, ja. Sogar Sie!

-Das würde ich jetzt gar nicht anzweifeln, aber wieso liest man dann von Menschen, die sich selbstlos für andere opfern, statt selbst zu töten?

Ahhh! Es soll ja immer die 16 Heiligen geben, die die Welt retten. Dann sind das wahrscheinlich welche davon. (Lacht.)

-Aber im Grunde unserer Herzen sind wir alle doch böse?

Ja, ich glaube an das Homo-homini-lupus-Prinzip. Aber ich bin auch in der jüdischen Literatur aufgewachsen, mit Kafka und den Coen-Brüdern, die ja ein ganz, ganz schwarzes Weltbild haben.

-Das Schöne ist, dass sie uns alle trotzdem noch zum Lachen bringen. Auch Sie mit Ihren Filmen.

Ja, das ist bei allen jüdischen Komikern und Schriftstellern der Fall, weil sie die bittere Pille halt geschluckt haben und danach wird ein Teil deines Wesens einfach zum Clown. Denn du kannst die großen, hehren Ideale der Menschheit dann nicht mehr so ernstnehmen. Das ist das Schöne, davon hast du dich zumindest befreit. Das finde ich eine ganz wesentliche Geschichte: Dass die jüdische Erfahrungswelt um diese Katastrophe „bereichert“ wurde, hat eine Generation fantastischer Künstler und Schriftsteller hervorgebracht. Die haben sich daran abgearbeitet. Das ist der Unterschied zu dieser romantisch verbrämten idealistischen Literatur, die Deutschland über lange Zeit stumpfsinnigerweise hervorgebracht hat.

-Auch aus der eigenen Geschichte heraus.

Ja, aber die hat immer so etwas Bewahrendes, so was Konservatives, Altväterliches, wo du denkst: Will ich die Wälder, will ich die deutschen Urbräuche? Nee, eigentlich nicht. Die deutsche Gesellschaft war zutiefst biedermeierisch und spießig, ich brauch’ das alles nicht in meinem Leben. Deshalb gehe ich da eher mit Kafka.

-Da haben Sie sich ja den größten Optimisten herausgesucht.

Stimmt. (Lacht.)

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