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Beliebt über Österreichs Grenzen hinaus: Austro-Rock-Sänger ist tot

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Von: Michael Schleicher

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Porträt des österreichischen Musikers Willi Resetarits (1948-2022).
Willi Resetarits (1948-2022): Musiker, Menschenfreund - und Dr. Kurt Ostbahn. © Lukas Beck

Willi Resetarits, der als Dr. Kurt Ostbahn berühmt wurde, ist tot. Der österreichische Sänger und Musiker starb in Wien im Alter von 73 Jahren.

Wien - Der Doktor ist nicht mehr. Und das ist eine furchtbar traurige Nachricht für alle Fans des Austro-Rock und die Freunde des Stubnblues, ja, für die weltweite Anhängerschaft des Favoriten’n’Blues Wiener Art. „Der Mann, der an das Gute im Menschen glaubt, aber es nicht unbedingt verkörpert: der Dr. Kurt Ostbahn“ – wie er sich von seiner vielleicht besten Band, der Chefpartie, bei Konzerten gerne vorstellen ließ –, ist tot. Willi Resetarits, der diesen Ostbahn-Kurti so sehr zum Leben erweckte, dass es mitunter schwerfiel, zwischen Künstler und Kunstfigur zu unterscheiden, ist am Sonntag, 24. April 2022, im Alter von 73 Jahren in Wien gestorben.

Willi Resetarits kam 1948 im Burgenland zur Welt

Geboren wurde Wilhelm Thomas Resetarits, wie er eigentlich hieß, 1948 im Burgenland, die Familie zählte zur kroatischen Minderheit. Möglich, dass bereits damals sein Gerechtigkeitssinn geprägt wurde, sein Eintreten für die Außenseiter und Schwachen einer Gesellschaft: Resetarits engagierte sich zeitlebens, mal im Stillen, mal laut. Beim Benefiz-Konzert für die Ukraine vor Kurzem im Prater konnte er allerdings nicht auftreten: Corona. Doch hatte er sich davon längst erholt.

Sein Studium in Wien hängte Resetarits Ende der Sechziger rasch an den Nagel – die Musik sollte es sein: Er wurde einer der Schmetterlinge, Österreichs vogelwilde Polit-Folker: klare Kante, verschnörkelte Songs gegen die Ungerechtigkeit der Welt. Willi Resetarits sang und komponierte.

Resetarits traf 1983 auf Günter Brödl, den Vater des Ostbahn-Kurti

1983 traf er Günter Brödl – und die beiden sollten fortan den Austropop verändern: Denn 1979 hatte Brödl, der „Trainer“ wie Resetarits den Journalisten, Moderator und Autor (1955-2000) stets nannte, das Theaterstück „Wem gehört der Rock’n’Roll?“ veröffentlicht. Hier trat der Ostbahn-Kurti auf. Eine Nebenfigur eigentlich, aber – eh wurscht: Das Publikum fand den Kurti leiwand. Der „Trainer“ erkannte das Potenzial und schenkte ihm ein Eigenleben: Brödl erfand eine Biografie, veröffentlichte ein fiktives Interview, gab Kleinanzeigen auf („Suche LPs von Ostbahn-Kurti“), ließ Liedtexte in Literaturzeitschriften nachdrucken und besprühte Brückenpfeiler: „Kurt Ostbahn lebt!“ Eh klar. Denn Resetarits wurde zu diesem Kurt Ostbahn – und zwar so richtig. Erst 2003 sollte er ihn in Pension schicken, nachdem der „Trainer“ überraschend mit 45 gestorben war, wollte auch der Sänger nicht mehr. Vorübergehend. Zum Glück.

ZZ Top und die Steve Miller Band auf Wienerisch

In den fast 20 gemeinsamen Jahren des Duos erschienen zig Platten. Das Besondere – und ein Geheimnis des Erfolgs über Österreichs Grenzen hinaus: Brödl übertrug Hits des Blues, Rock’n’Roll und der Countrymusik aus dem Englischen ins Wienerische. Aus „Sharped dressed Man“ von ZZ Top wurde „Neiche Schoin“, die Soulnummer „I heard it through the Grapevine“ machte er zu „Wo hamma denn den Foaschein“, und „The Joker“ der Steve Miller Band hieß beim Kurti „Da Joker“ mit den so schlichten wie wahrhaftigen Zeilen „I bin ka Gschwinda/ Des siacht a Blinda/ I bin im Gwinna/ Und leb vom Singan/ A Musikant wia ma so sogt“.

Die Chefpartie war Ostbahn-Kurtis erste Band

Im Jahr 1985 veröffentlichte Resetarits seine erste LP als Kunstfigur, „Ostbahn Kurti & die Chefpartie“. Und diese Chefpartie mit Sexualberater Karl Horak am Bass, Leopold „Prinz“ Karasek (Gitarre), Lilli „Zirkus“ Marschall (Gitarre ab 1989), Signore Mario Adretti (Keyboard, Ziehharmonika) und Herrn Diplom-Ingenieur Eduard Jedelsky am Schlagwerk war Kurtis erste Band – technisch vielleicht nicht perfekt, aber auf der Bühne mit enormer Spiellust, viel Witz und mitreißender Energie. Dass manche Musikernamen herrlichster Schmarrn waren, war Konzept – und wurde vom Doktor bei Konzerten mit großer Ernsthaftigkeit zelebriert. „G’wesen is ja so“, pflegte er gerne zu dozieren: Er habe den „Favoriten’n’Blues“ mit dem Vater vom Prinzen, also mit dem „King Karasek“, erfunden – „und die Amerikaner ham uns des Ganze 30 Johr vorher g’stohln. Ein österreichisches Schicksal.“ Mit diesem Mix aus ganz viel Schmäh, mitreißender Rockmusik und Heimatdialekt erspielte sich Ostbahn-Kurti eine große, treue Fangemeinde. „Ich wiederhole: Es ist eine Lust zu leben“, rief er beim Abschiedskonzert – angesichts der aktuellen Nachricht ein Trost zu wissen, dass er es auch so gemeint hat.

Resetarits 2021 war Gastsänger beim EAV-Weihnachtsalbum

Nachdem er 2003 den Kurti in den Ruhestand verabschiedet hatte, engagierte Resetarits sich bei diversen Projekten. So war er etwa für Thomas Spitzer von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung als Sänger im Studio, um am EAV-Album „Ihr Sünderlein kommet“ mitzuarbeiten, das Ende 2021 nach 42 Jahren endlich erschienen ist. Besonders am Herzen lag ihm aber der Stubnblues: eine fein abgestimmte, zurückhaltend interpretierte Mischung aus österreichischen und kroatischen Volksliedern, Blues und vertonten Gedichten etwa von H. C. Artmann. Hier zeigte der Künstler, der es gerne krachen ließ, dass er auch die ruhigen Töne beherrschte. Der Tod im Allgemeinen sei „a grober Fehler“, diagnostizierte Dr. Kurt Ostbahn einst. Und wer würde diesem Doktor widersprechen?

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