Othello ist ein Bayer

- Othello, das ist der Schwarze unter lauter Weißen. Er ist ein Leistungsträger und wird akzeptiert im Staat Venedig - ein Beispiel geglückter Integration. Bis ihn bekanntermaßen der Neider Jago aufhetzt und er sein Vertrauen in die gastfreundliche Gesellschaft verliert. Oder anders herum betrachtet: Othello ist der Bayer unter lauter Brasilianern. Er macht sich als Unternehmensberater bei einem Bananenproduzenten verdient und verliebt sich in dessen Tochter. Was einem seiner brasilianischen Kollegen gar nicht behagt. Sein süßes Leben an der Copacabana wird zum Albtraum.

Lilli-Hannah Hoepner, Regie-Absolventin der Otto- Falckenberg-Schule, hat den Shakespeare-Klassiker solchermaßen umgeschrieben für ihre Inszenierung "Otelo ­ o alemão do Brasil", die als Gastspiel am 14. und 15. November im Münchner Volkstheater zu sehen ist. Während Christian Stückls Ensemble den "Brandner Kaspar oder das ewig‘ Leben" fast zeitgleich, vom 16. bis 19. November, in Rio aufführt. Neue Perspektiven ermöglicht in beiden Fällen das brasilianisch-deutsche Projekt "Der fremde Blick". Marcos de Souza, der schon einige Jahre als Schauspieler und Schauspiellehrer in Deutschland lebte, hat es 2002 gegründet. Seitdem erarbeitete er, häufig in Rio, mit deutschen und brasilianischen Schauspielschülern Performances etwa zu Brecht oder Fassbinder.

Sein Projekt wird unterstützt von der brasilianischen Kultur- und Bildungsinstitution SESC. Quasi zur Feier seiner fünfjährigen Arbeit mit fremden Blicken hat de Souza den Direktor der SESC Rio, Dionino Colaneri, und seine Mitarbeiter bewegen können, sich den "Brandner Kaspar" in München anzuschauen ­ und ihn nach Rio einzuladen. "Die Geschichte vom Tod, die Atmosphäre des Himmels, der musikalische Aspekt haben ihnen sofort gefallen", sagt de Souza.

Durch die Vermittlung der Falckenbergschule, wo er unterrichtet, kam im Jubiläumsjahr auch eine Einladung von Brasilianern nach Deutschland zustande. "In München ist es mir endlich gelungen, bisher sollte ich immer die Deutschen mit nach Brasilien nehmen", sagt er. Die fünf an "Otelo" beteiligten Südamerikaner wohnen derzeit in der Villa Waldberta in Feldafing.

De Souza verliebte sich noch in seiner Heimat in die deutsche Sprache. In Rio jobbte er in einem deutschen Hotel, und als er dort den Fall der Mauer sozusagen miterlebte, wollte er endgültig ein Teil von Deutschland werden. 1992 kam er ins Ruhrgebiet, inzwischen wohnt er in der Nähe von Stuttgart.

Einen "Othello" aufzuführen, als "Hommage" an alle, die ihn in Deutschland unterstützt haben, war seine Idee. Gerne legte er sie in die Hände einer jungen Regisseurin und übernahm auf ihren Wunsch hin die Rolle von Desdemonas Vater, denn er spielt lieber selbst als zu inszenieren. Produziert wurde die deutsch und portugiesisch gesprochene Produktion in Rio ­ und zwar ohne ein Wort Englisch. Das ist die eine Voraussetzung für de Souza. Die anderen sind, dass er mit seiner Arbeit Nachwuchskünstler fördert und diese fähig sind, Neues zu entdecken. Hier etwa einen Othello, dem der Chef die Tochter nicht geben will, weil er ein "Gringo", ein Ausländer, ein Weißer ist.

14./15.11.; 089/ 523 46 55.

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