„Die Lesung ist wie Mannschaftssport“: Ottfried Fischer mit seiner virtuosen Band „Die Heimatlosen“. Foto: Oliver Bodmer

Otti Fischer: „Der Bayer will auch geliebt werden“

München - Ottfried Fischer erklärt Bayern: Morgen liest der Kabarettist (57) in der Pasinger Fabrik aus seinem Buch „Extrem Bayrisch“. Dabei begleitet ihn das Blech-Quartett „Die Heimatlosen“, vier Virtuosen, die - passend zum Buch - Folklore und Wahnwitz vermählen.

-Herr Fischer, Ihr neues Buch handelt von bayerischen Bräuchen und Sportarten - vom Wettschnupfen bis zum Maibaumkraxeln. Können Sie nachvollziehen, was Ihre Landsleute manchmal so treiben?

Ich kann diesen Wettkampf-Trieb letztlich nicht nachvollziehen. Er ist gerade beim Oberbayern weit verbreitet, der von Haus aus noch mehr ein Berufsbayer ist als zum Beispiel der Niederbayer. Ich für mein Teil habe als Kind immer den Turnbeutel vergessen.

-Haben Sie beim näheren Betrachten der Folklore neue Erkenntnisse über Bayern gewonnen?

Mir war vorher noch nicht klar gewesen, wie wichtig die Blasmusik ist. Wie schön sie auch ist, weil sie ein tolles Gefühl erzeugt. Bayern im Sommer, das ist wie New Orleans, die Bayern sind wahrscheinlich die Erfinder der Big Band.

-Sie haben bei Ihrer Lesung selbst eine Blech-Band dabei.

Sie besteht aus den besten Musikern, die München zu bieten hat. Claus Reichstaller ist Professor an der Hochschule für Musik und Jazz-Trompeter. Er kommt aus der Blaskapelle - wie Leo Gmelch an der Tuba auch. C.L. Mayer hat Klavier und Cembalo studiert - der Kaiser des Akkordeons. Und César Granados ist eine Percussion-Granate aus Panama. Diese vier sind in der Lage, alles zu spielen - von Jazz über Calypso bis zum zerlegten Zwiefachen. Sie kommentieren meine Texte mit viel Improvisation. Mich fasziniert, wie intuitiv und schnell sie sind.

-Da passen sie ja zu Ihrem virtuosen Sprech-Stil.

Genau, man nennt mich ja auch den Jazzer des Worts. Die vier verstehen mich, wenn ich ihnen was erkläre. Dabei verwende ich gar keine musikalische Terminologie. Das macht mir auf meine alten Tage schon sehr viel Spaß. Die Lesung ist wie Mannschaftssport.

-Wie sind Sie und der Fotograf Roger Fritz zusammengekommen?

Er hatte mich gefragt, ob ich das Vorwort schreiben wolle bei einem Buch über bayerische Sportarten. Wollte ich. Aber ich fand, dass ich mich bei diesen Sportarten zu sehr einengen müsste und habe vorgeschlagen, das Buch noch auf das Oktoberfest und Altötting auszudehnen. Rogers Bilder haben mich fasziniert - weil sie so eine Stimmung transportieren, obwohl oder gerade weil sie manchmal etwas von Schnappschüssen haben. Wenn man sie sieht, muss man oft lachen.

-Haben Sie nicht Angst, dass Sie damit auch bayerische Gefühle verletzen?

Ich glaube, dass manches zwar auf Anhieb komisch ist, dafür aber im Nachhinein wirkt. Die oft kitschigen Votivtafeln in Altötting zum Beispiel zeugen von dem tiefen Glauben, den es heute noch gibt, einer archaischen Überzeugung, dass dich etwas beschützt - auch in einer volltechnisierten Welt. Ich glaube, dass das Buch eine große Liebe zur Heimat ausstrahlt. Manches ist vielleicht ironisch beschrieben, das heißt aber nicht, dass man dagegen zur Attacke reitet. Der Bayer will auch geliebt werden, deswegen betreibt er ja unter anderem Fremdenverkehr. Ich bin kein gefühlsduseliger Bayer, aber es ist meine Heimat. Auch wenn es politisch viel in die Pfanne zu hauen gibt: Prinzipiell ist Bayern - von der Tatsache des Vorhandenseins ausgehend - scho a tolle Sach’.

-Hilft es Ihnen, Distanz zu wahren, weil Sie kein „waschechter“ Bayer sind?

Stimmt, mein Vater war „gelernter Bayer“, wie er selbst gesagt hat. Durch diesen westfälischen Vater war immer ein Verhalten der anderen da - nichts Verletzendes, eher der Hauch eines Gefühls: „Du bist neu hier.“ Das haben ich und mein Bruder von klein auf gespürt: Es gibt eine Grenze, über die wir nicht drüberkommen - obwohl ich da geboren bin, sogar eine Hausgeburt. Darum habe ich ja auch Karriere gemacht: Um denen zu zeigen, dass es auch einer zu was bringen kann, von dem sie meinen, dass er nicht so ganz vollwertig ist. Man muss dem Bayern halt auch ein bisschen Zeit lassen, damit er sich an was gewöhnt.

-Welche „bayerische Sportart“ gefällt Ihnen denn am besten?

Ich war ja mal bayerischer Vizemeister im Ochsenrennen.

-In F. X. Bogners Fernsehserie „Irgendwie und sowieso“.

Richtig, als Sir Quickly. Insofern muss ich dem Ochsenreiten die Nummer eins geben. Aber ich bin froh, dass ich das nicht mehr machen muss.

Das Gespräch führte

Johannes Löhr.

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