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Otto Künzli, Schmuck-Künstler und Professor an der Kunstakademie, im Ausstellungsraum der neuen Schaustelle. Rund 150 Arbeiten – vorne Broschen – schildern sein Œuvre.

„Otto Künzli. Die Ausstellung“

Schmuck-Kunst mit Widerhaken

München - Die Neue Sammlung zeigt in der Schaustelle der Pinakothek der Moderne „Otto Künzli. Die Ausstellung“. Der Papst des Kunst-Schmucks nutzt die Ausstellung als erste umfassende Präsentation. Die Retrospektive hebt er sich noch auf.

Der Schaustelle, jenem Ausstellungs-Trostpflaster der Münchner Pinakothek der Moderne während der Sanierung, hat nichts Besseres passieren können: Noch vor der Eröffnung Mitte April wird der Bau an der Ecke Gabelsberger-/ Türkenstraße mit einer Top-Exposition eingeweiht, mit „Otto Künzli. Die Ausstellung“. Der Titel ist lapidar – mehr Wirbel braucht es auch nicht beim Papst des Kunst-Schmucks. Das weiß das Team des Design-Museums Die Neue Sammlung. Der Schweizer Künzli, Jahrgang 1948, ist schon längst ein Münchner, und zwar ein einflussreicher. Nicht nur dass er hier als Goldschmied und Künstler schnell anerkannt wurde, er prägt auch seit 1991 die Ausbildung der jungen Kollegen. Mit unermüdlichem Elan hat er als Professor (Lehrstuhl für Schmuck und Gerät an der Kunstakademie) dem Nachwuchs immer wieder frische Impulse verschafft. Wenn man so will, gehört diese Künzli-Schule, gehören diese Schmuck-Gestalter auch zu seinem Lebens-Œuvre.

Rahmen: Sie heben hervor, umschließen, schmücken. Teile davon nutzte Otto Künzli als Anhänger für Halsketten.

Dem „engeren“ Werk, dem Schmuck-Schaffen, aber widmet sich jetzt in der Schaustelle die erste umfassende Präsentation (auch mit Blick auf die Handwerksmesse). Die Retrospektive wird dann nach Lausanne und Tokio gehen. Der nüchterne, ja ärmliche Innenraum in der nach außenhin flott-lockeren Schaustelle hat sich unter dem Einfluss von der Neuen Sammlung und Künzli in einen lebendigen, wendigen Ausstellungsorganismus verwandelt. Nicht Vitrinen in Reih und Glied, sondern fröhlich „hineingeschmissen“ in das Rechteck. Natürlich sind die packpapierfarbenen Sockel – wie ein Reigen von Umzugskartons – mit den dezenten Glasaufsätzen nicht zufällig in Gruppen „gefallen“. Schnell werden Themen klar. Und zugleich ein gewisse Chronologie. Der rote Kunststoff-Zweifingerring, eine kleine verwegene Skulptur, stammt von 1967, aus der Zeit an der Zürcher Schule für Gestaltung. Zehn Jahre später an der Münchner Kunstakademie bei Hermann Jünger beschäftigt sich der Student mit klaren geometrischen Goldbroschen. „Damals war für mich der Oberkörper als Fläche wichtig“, sagt Künzli.

Zunächst betont er, dass es beim Schmuck eine klare Vorgabe gebe: „Er soll getragen werden.“ Und fröhlich-stolz erzählt er, wie viele seiner Arbeiten ganz selbstverständlich genutzt würden. „Es gibt aber Konzepte, bei denen ich weiß, dass das sehr schwierig wird, dass ich es vielleicht nie erleben werde, das Schmuckstück getragen zu sehen. Aber das liegt in meiner Verantwortung.“ Manchmal sei Tragen/Nichttragen gar nicht in Größe und Unbequemlichkeit des Werks begründet. Beispiel: Die Kette aus 48 unterschiedlich großen Goldringen ist optisch gesehen traditionell und tragbar. Wer aber weiß, dass sie aus benutzten Eheringen besteht – Tod, Scheidung – wird sich diese Schicksalslast nicht um den Hals hängen wollen. Kein Wunder, dass diese Arbeit 1985/86 im Rahmen von Installationen, Skulpturen und Objekten im Lenbachhaus gezeigt wurde. Helmut Friedel hatte damals den Konzeptkünstler in Künzli erkannt. Der hatte sich „Spender“ per Zeitungsannonce gesucht und alle im persönlichen Gespräch – zwischen Tee und Likör, wie er berichtet – von seinem Projekt überzeugt. Schmuck als Mahnmal.

Das war für den Künstler, der die handwerkliche Seite nie vernachlässigt, keine wohlfeile Aktion. Die soziopolitische Komponente hat Otto Künzli bis heute beibehalten – genauso wie seinen Humor, die Lust an pointierten Titeln („1 Meter Liebe“) und an stets neuen Anregungen vom Minimalismus über Millefleurs-Papierdeko, Comics, Ornamenten oder Postkarten bis hin zu vielfältigen Materialien. Da gibt es etwa jene extrem stark gebrannte, also enorm harte japanische Steineichen-Holzkohle, die er in sanft gerundete Ringe verwandelte. Oder japanischen Perlen-Ausschuss, dessen Schönheit in lebendiger Vielfalt liegt. Politisch subversiv der Titel: „777 Gaijin“ – Glückszahl plus „Ausländer“, die man ja gern „aussondert“, gibt der immer Neugierige zu verstehen.

Schmuck mit Widerhaken – das ist für Künzli das Entscheidende: ob jene makellose Träne, die sehr schwer wiegt, ob der Mickey-Mouse-Kopf, der hinter dem Totenschädel hervorlugt (Irak-Krieg), ob die Postkarten, die man sich austauschbar per Broschen-Halterung anstecken kann.

9. März bis 7. April,

9./10.3. 10-18 Uhr, ab 13.3. Mi.-So. 12-20 Uhr; Werkbuch (Arnoldsche Art Publishers): 68 Euro.

Von Simone Dattenberger

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