Ottokrat des Kinos

- Ein Wiener Schlitzohr, ein Zyniker, ein Sentimentaler hinter der Maske des Unbarmherzigen. Und ein großer Ironiker: Als "Mr.Freeze" gönnte sich Otto Preminger zwei kurze Schauspielauftritte in der Batman-TV-Serie Mitte der 60er-Jahre. Dort bringt er alles zum Gefrieren und treibt sein Spiel mit dem Image, das ihm in Hollywood anhaftete: der Coole, alles zersetzende Anatom, "Ottokrat" genannt, ein Grausamer, Boshafter, der seine Schauspieler quält und seine Umgebung verachtet.

Zugleich galt der Regisseur, der vor 100 Jahren in Wien geboren wurde und 1986 in New York starb, in den 50er- und frühen 60er-Jahren als einer der Allergrößten des Kinos.

Man kann Premingers Erfolge kaum aufzählen. Unter seinen 37 Filmen finden sich Klassiker wie "Exodus", "Porgy und Bess", "Fluss ohne Wiederkehr" und "Der Mann mit dem goldenen Arm". Diese Liste verdeutlich bereits erste Kontinuitäten: Häufig erzählt Preminger Melodramen, Geschichten großer Gefühle, und er hatte den Mut zum Tabubruch. Den standardisierten Hollywood-Codes fügen sich seine Storys nur widerwillig. Schwarze, Drogensüchtige, jüdische Flüchtlinge, Außenseiter -­ oft sind es Minderheiten und Ungeliebte, die Preminger zeigt. Auch wo er sich im Mehrheitsmilieu bewegt, geht es um das Ungeliebte, Verschwiegene: Depressionen und Laster, Gewalt, Lügen und andere Kleinigkeiten, die sich alltäglich ereignen, aber -­ erst recht im damaligen Kino -­ ungern zur Sprache gebracht werden.

Es drängt sich geradezu auf, diese Filme auch aus Premingers Herkunft zu erklären: dem Wien von Freud und Schnitzler um die Jahrhundertwende, der Erfahrung von Verfolgung und Emigration 1935. Preminger wurde einer der Erfinder des Film Noir, jener pessimistischen, überaus stilvollen Schwarz-Weiß-Filme, die, oft von Emigranten gedreht, Kriminal- und Horrorstoffe, aber immer auch Politisches in existenzielle Fabeln verwandelten und das Kino beeinflussten wie weniges sonst.

"Laura" (1944) verschaffte ihm den Durchbruch. Ein mythischer, perfekter Film Noir, der bereits alles enthält, was Premingers Werke immer auszeichnete: Seine Sicht ist der kühle, voyeuristische Blick durchs Schlüsselloch, hinter die Fassaden, hinein in die Seele der Menschen. Seine Verbündeten sind die Zuschauer. Wie bei Hitchcock weiß man -­ nein: sieht man -­ oft mehr als die Protagonisten. Und wie bei Hitchcock prägt dieses Entlarvungskino eine große Portion sarkastischen Humors. Das dämpft die Härte des Eindrucks und schafft Distanz. Ohne schlichten Realismus in der Abbildung werden die Filme authentisch durch die Intensität der Gefühle.

Mit mindestens zwei weiteren Meisterwerken hat er sich in die Filmgeschichte eingeschrieben: "Bonjour Tristesse" (1957), die Sagan-Verfilmung mit der unvergesslichen Jean Seberg. Und "Anatomie eines Mordes" (1959), ein Gerichtsfilm, in dem viel von Premingers antipuritanischer Gesinnung, seiner Ideologiefreiheit zu spüren ist. Hinzu kommen Filme wie die Perle "Bunny-Like is Missing" (1965), ein überaus intelligentes Kammerspiel der Verwirrungen im Swinging London, in dem allein Laurence Oliviers Kommissar noch ein wenig Sicherheit gibt.

Godard und die anderen Franzosen der Nouvelle Vague haben Preminger verehrt. Im Mut, im Vermögen, seine Unabhängigkeit zu wahren, in der Konzentration auf feine Unterschiede und im Willen zur Gegenwärtigkeit lernten sie von ihm. Das Kino verdankt dem kühlen "Ottokraten" mehr, als ihm bewusst ist.

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