Ovationen für Sieglinde

- In diesem Punkt sind sich Frustrierte und orthodoxe Wagnerianer beim Pausengespräch einig: Wenigstens stört die Regie nicht. Was für ein Hallo also, wenn tatsächlich was passiert. Wenn vor Beginn des dritten Akts ein Defekt den Bayreuther Zuschauerraum kurzzeitig in tiefe Nacht taucht. Oder wenn Schauspieler Hans-Jürgen Schatz gleich danach gockelnd aus dem Klappsitz emporschnellt, sich zu den Logen umdreht und "Bravo, Domingo!" ruft.

Quadratur des Kreises

Doch begeisterter Applaus der Premierengäste blieb folgenlos. Der Tenorissimo schwieg und saß weiter. Was nütze es auch: Endrik Wottrich alias Siegmund war 60 Minuten zuvor in Papa Wotans Speer gelaufen, für ihn kam jeder Domingo-Ersatz ohnehin zu spät. Wottrich hatte sich als einzig echte Schwachstelle in dieser neuen "Walküre" bei den Bayreuther Festspielen entpuppt: ein Tenor, durchaus fähig zu großen Tönen, dem aber die stumpfe Stimme gern nach hinten kippt, sodass Singen nur mit erheblichem Kraftaufwand funktioniert.

Und auch der muskelbepackte Körper brachte wenig: Wie Arnold Schwarzeneggers Conan, der Verstörte, stand Wottrich in der Szenerie. Denn wer nicht ein Mindestmaß an 08/15-Gesten und -Gängen parat hatte, war bei Tankred Dorsts Nicht-Regie verloren. Ebenso Kwangchul Youn (Hunding), der sich aufs Vorführen seines grobkörnigen Materials beschränkte, auch Michelle Breedt, die als Fricka zu lyrisch besetzt war, vor allem aber Falk Struckmann, dem man doch einen "vollwertigen" Wotan so gönnen würde.

Über das ideale, markige Timbre verfügt Struckmann zweifellos. Kraftentladungen gelingen (abgesehen von Konditionsschwächen kurz vor Schluss) imponierend. Was Struckmann noch fehlt, ist ein Diktionsberater, auch die Fähigkeit - beim Monolog im zweiten Akt unabdingbar - zu erzählerischer Finesse: Über weite Strecken tönte es einfach nur nach Rohdiamant.

Linda Watson (Brünnhilde) konnte an ihre Bayreuther Vorgängerinnen - noch - nicht anknüpfen. Die tief gelegene "Todesverkündigung" überzeugte, war auf ebener Linie gestaltet. Doch unter größerer Anspannung droht ihrer üppigen Stimme das Ausufern: Welcher Ton da angesteuert wird, war dann auch beim genaueren Hinhören nicht zu klären.

Das einzig Richtige tat Adrianne Pieczonka. Aus ihren bisherigen Sieglinden brachte sie die passenden Regie-Bauteile mit und verwandelte manche Szene zur Solo-Nummer. Eine genuin Lyrische, deren Sopran sich weiten und dabei wundervoll aufblühen kann. Vom fein gesponnenen Konversationston bis zur bezwingenden, klangvoll flutenden Dramatik steht ihr dann alles zur Verfügung: Ovationen, ein Triumph.

Und der fiel sogar einige Dezibel heftiger aus als bei Christian Thielemann, dem mit dem Festspielorchester Geschlosseneres glückte als tags zuvor im "Rheingold". Was ihm vorschwebt, ist ja nichts weniger als die Quadratur des Kreises: ein substanzreicher, geerdeter, trotzdem trennscharfer und schwebeleichter Klang.

Thielemann wollte, bis auf das zugespitzte Liebesduett oder den monumentalen Wotan-Abschied, nicht überwältigen, vielmehr für Wagners delikate Webkunst interessieren. Zu Beginn, wenn beim scheuen Begegnen von Sieglinde und Siegmund auch die Musik tastet und kreist, drohte da die Leerstellen-Reihung.

Lesepause für Radler

Später verdichtete sich die Interpretation, griffen Klang- und Tempodramaturgie und gipfelten in einem wirklich grandiosen dritten Akt. Als sei's von ihm so geplant: Das Inszenierungsvakuum füllt Thielemann gern und mühelos aus.

Denn nach dieser "Walküre" wächst der Jammer weiter. Die Wohnhalle, in die ein Strommast gestürzt ist, der düstere Platz mit Resten von Statuen inklusive Wotans abgeschlagenem Steinkopf, schließlich der zwischen Steinbruch und aufgesprengtem Bau changierende Raum für den "Walkürenfelsen": Frank Philipp Schlößmanns eindrückliche Bühnenbilder schreien nach Bespielung, brauchen mehr als eingefrorene Postkarten-Motive.

Die von Tankred Dorst und Ursula Ehler gewollte Konfrontation von Götter und Wirklichkeit gibt's nämlich weiterhin nur als schriftliches Konzept oder als Andeutung. Dorst/ Ehler müssten diesen Zusammenprall nutzen, viel mehr schärfen, ihren Solisten überhaupt etwas vermitteln, was über amateurhaft Gestelltes hinausgeht.

Die Passanten, die in Hundings Haus vor dem Gewitter Unterschlupf suchen, oder der Radler, der eine Lesepause einlegt - all das bleibt nichts sagend oder sorgt, wie die schlafende Brünnhilde auf einer Europalette, für Heiterkeit: Ob Siegfried im nächsten "Ring"-Teil gar mit dem Gabelstapler kommt?

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