Ozeanien ist überall

München - Anfangs mutterseelenallein, ohne Handwerkszeug und Erfahrung, folglich unreif für die Insel: Dieser Schiffbrüchige ist als Identifikationsfigur gar nicht mal so übel. Uraufführung - gleicht so etwas nicht immer einer Robinsonade?

Wer Daniel Defoes berühmten Roman im Hinterkopf hat, muss in Münchens Muffathalle freilich umdenken. Keine Palme, kein Sandkorn, nirgends. Nicht mal eine korrekte Reihenfolge: Enno Poppe (Komponist) und Marcel Beyer (Text) rollen die Geschichte von hinten, also mit Robinsons Rettung auf. Wobei einem solches in "Arbeit Nahrung Wohnung", der Beinahe-Eröffnung der Münchener Biennale, indes nur stellenweise schwant.

Mit einem Unglück hatte das Festival begonnen (wir berichteten): Am donnerstäglichen Eröffnungsabend erlitt Graham Valentine, Hauptdarsteller des Robinson, einen Schwächeanfall, die Vorstellung wurde abgebrochen und die zweistündige Uraufführung nun am Samstag nachgeholt - ohne Probleme.

Hier das Stück, dort die szenische Umsetzung: Anders als bei vielen Biennale-Projekten ist dieses Gegenüber kaum spürbar. Wahrscheinlich weil Regisseurin und Ausstatterin Anna Viebrock in den Entstehungsprozess eingebunden war, dabei Ästhetik und Struktur beeinflusste. Eine Viebrock-Oper demnach? Sieht ganz so aus: Wand-durchbrochene, muffige Räume sind Schul- oder Musikzimmer, Küche oder Aufenthaltsort fürs kleine Synthesizer-Percussion-Ensemble der "MusikFabrik", das ebenso wie die Neuen Vocalsolisten Stuttgart mitspielen darf. Alle geben sie jene schrulligen Gestalten, die aus Viebrocks Zusammenarbeit mit Christoph Marthaler sattsam bekannt sind.

Für die gern bierernste Biennale ermöglicht solche Komik eine hübsche Distanzierung zum Stück. Robinson erscheint uns wie ein ver(w)irrter Gelehrter, Freitag (Omar Ebrahim) wie sein kraftstrotzendes Gegenstück und die Matrosengang wie einer "Traumschiff"-Parodie entsprungen. Auch ohne Programmheftlektüre macht's daher bald "klick": Die Einsamkeit Ozeaniens, sie ist überall.

Viebrocks Konzept, aus Allerweltsmomenten skurril Neues zu schaffen, nehmen Enno Poppe und Marcel Beyer auf. Beyer, in dem er etwa Fachbegriffe mit ironischem Nachdruck zu Monologen aufwertet, dabei amüsante Wort-Kombinationsprozesse vorführt. Und Poppe, indem er in seine Musik Buffoneskes, manchmal Walzer- oder liturgische Männerchor-Ahnungen einbaut. Zuweilen erinnern "ariose" Passagen an frühbarocke Verzierungstechniken.

Kreativ ist diese Musik auch, indem sie stufenlose Übergänge zwischen Geräusch, Sprechen, Sprechgesang und Vokallinie schafft. Poppes Experimente mit stufenlosen Tonhöhen, auch die wilden Schlagwerk-Ausbrüche geben seiner Partitur dabei etwas Haltloses, Ungreifbares. Eine kalkulierte Kakophonie, die von den Ausführenden Gewaltiges verlangt. Der famose, in seiner Ausstrahlung sehr dominante Graham Valentine hat den Hauptpart zu schultern: nicht überraschend, dass dieses explosive Sprech-Sing-Gemisch den Kreislauf über Gebühr belastete.

Ein Problem hat aber diese Tüftellust. Sie räumt dem Experiment mit der Einzelszene zu großen Raum ein. "Arbeit Nahrung Wohnung" ist daher weniger zielgerichtet, sondern bleibt oft rätselhafte Nummern-Revue. Auch kann das musikalische Material die 120 Minuten gegen Ende hin kaum mehr tragen. In den schwächsten Momenten kreist daher das Stück um sich selbst - oder sollte diese Kommunikationsstörung als Robinsonade gar beabsichtigt sein?

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