Ein paar Happen Bildung

- Niemand soll so tun, als sei früher alles besser gewesen. Als stürben - wie gerade eine große deutsche Wochenzeitung ihren Lesern verklickern will - den Theatern die Zuschauer aus. Das mag für Hamburg gelten, was allerdings auch unlogisch wäre, da der angebliche Schwund eben kein Naturgesetz ist. Auf München trifft das jedenfalls nicht zu.

Lassen wir die jetzt zu Ende gehende Spielzeit noch einmal Revue passieren, ist - was das Sprechtheater betrifft - gerade der hohe Anteil jungen Publikums auffallend. Das mag vielerlei Gründe haben. Einer ist gewiss, dass einzelne Vorstellungen im Vorverkauf nicht genug gefragt sind und darum an der Abendkasse ausreichend Schüler- und Studentenkarten zu haben sind. Wichtiger aber ist die Tatsache, dass junge Menschen verstärkt das Bewusstsein für den Live-Charakter des Theaters, für die Einmaligkeit, die Originalität einer Vorstellung entwickeln. Dass sie sich - mag auch das Wort in den Ohren alter, pseudoprogressiver 68er noch immer einen reaktionären Klang haben - in menschlicher, politischer und künstlerischer Hinsicht ein paar Happen Bildung abholen. Weil auch im wirklichen Leben nicht gut besteht, dem Hamlets Zögern oder Godots Warten böhmische Dörfer sind.

Zur Frage der Nation

Ob sich da das Gutmenschen-Sozialprojekt, das mit enormem Kraft- und Werbeaufwand die Münchner Kammerspiele mit "Bunnyhill" unternahmen, auszahlt, ist unter dem Aspekt der dauerhaften Gewinnung neuer Publikumsschichten zu bezweifeln. Das ist, man sieht's, viel eher mit den Klassikern und der so genannten klassischen Moderne zu erreichen.

Dennoch: Münchens große Sprechbühnen, Kammerspiele und Bayerisches Staatsschauspiel, drücken sich durchaus nicht um die zeitgenössische Dramatik. Premieren reichlich. Manches allerdings darf als "Fingerübung" getrost und schnell wieder vergessen werden. So groß ist die Ernte in der Güteklasse A nicht. Ein absoluter Gewinn aber, da als Stück und in seiner szenischen Umsetzung gelungen, sind: "Die eine und die andere" von Botho Strauß (Regie Dieter Dorn), "Der Kissenmann" von Martin McDonagh (Regie Hans-Ulrich Becker), "Die Frau von früher" von Roland Schimmelpfennig (Regie Antoine Uitdehaag) und "Die Kriegsberichterstatterin" von Theresia Walser (Regie Florian Boesch) in Residenztheater, Haus der Kunst und Marstall sowie an den Kammerspielen Jon Fosses minimalistischer "Winter" (Regie Jossi Wieler).

Um politische Brisanz, um einen Beitrag zur Frage der Nation bemühten sich die Konkurrenzhäuser mit zwei Klassikern. Im Residenztheater inszenierte Tina Lanik mutig und mit großem, ehrlichem Gestus "Herzog Theodor von Gothland" von Grabbe. An den Kammerspielen machte sich Andreas Kriegenburg über Hebbels "Nibelungen" her, die in einem Sechs-Stunden-Kraftakt durchaus bestechen.

Was ansonsten an den Kammerspielen gesellschaftskritisch angereichert über die Bühne ging, war zumindest fragwürdig. Shakespeares "Hamlet" (Regie Lars-Ole Walburg) - fast eine Leerstelle, "Die zehn Gebote" nach Kieslowski - eine wenig geglückte Filmadaption (Regie Johan Simons), "Vor Sonnenaufgang" von Hauptmann - ein auf Denver-Clan-Niveau und TV-Schick getrimmter Naturalismus-Schinken. So wundert es nicht, dass dagegen der munter-charmante Wittenbrink-Liederabend "Kein schöner Land" zum Dauerbrenner geriet.

Im Residenztheater ist neben dem wunderbaren Botho Strauß und dem archaischen "Gothland" als richtig großes, gutes Theater Becketts "Warten auf Godot" über die Premierenbühne gegangen (Regie Elmar Goerden). Eine Aufführung, die Welt in sich hat und ausstrahlt. Was sich weder von O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" sagen lässt (Regie Goerden), noch von Moliè`res "Eingebildet Krankem" (Regie Thomas Langhoff).

Theater lebt in erster Linie von seinen Schauspielern, in zweiter von den Dramatikern, in dritter von den Regisseuren. So geht der "Hamlet", in seiner intellektuellen Einfalt unakzeptabel, durch, weil mit Christoph Luser ein interessant nerviger Hauptdarsteller auf der Bühne steht. Viel versprechende Frauen als Neuzugänge im Hause Baumbauer: Sylvana Krappatsch ("Winter") und Wiebke Puls (Kriemhild).

Am Staatsschauspiel hat sich Thomas Loibl (Gothland) in die erste Garde vorgespielt. Ein Schauspieler von faszinierendem Ausdruck, auf Augenhöhe mit den Stars des Dorn-Ensembles wie Lambert Hamel ("Godot") oder Jens Harzer ("Eines langen Tages Reise . . .").

Junge Darsteller, die aufhorchen lassen, gibt es auch an Christian Stückls Münchner Volkstheater. Sein Pech: Sie werden ihm zu schnell weggeholt von zahlungskräftigeren Bühnen. Ein Beweis dafür, wie lebendig dieses Haus ist, welch künstlerischer Aufbruch in ihm steckt, was für ein Elan. Vor allem mit der packenden Inszenierung von Fleißers "Fegefeuer in Ingolstadt" (Regie Jorinde Droese) und, na klar, dem "Brandner Kaspar" (Regie Stückl) zeigt das Volkstheater den Konkurrenten, dass mit ihm als dritte Kraft gerechnet werden muss.

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