Ein paar Momentaufnahmen

- Genau so muss sich ein Kulturschock anfühlen. 24 Stunden zuvor seine Heiligkeit mit den Wonnen des sündigen Venusbergs konfrontieren (aber der Papst ist angeblich ja "Tannhäuser"-Fan), das alles unter Zeugenschaft von 6500 meist hochapostolischen Hörern nebst einer Delegation aus München: Da fühlt man sich in den eigenen Gasteig-Wänden doch viel wohler als auf glattem römischen Parkett.

Und wenn alles stimmt, Programm plus Abendform, dann sind Münchens Philharmoniker bei Deutschromantik und Impressionismus wirklich unschlagbar - dafür hat man Christian Thielemann schließlich von der Spree an die Isar gelockt.

Beste Voraussetzungen also für Brahms' Vierte, die rätselhafteste seiner Symphonien, jene, die einen Spagat zwischen Vergangenem und Erahntem wagt. So als ob da einer an den Gittern des symphonischen Prinzips rüttelt, "Ich will hier raus" ruft, sich dabei ausgerechnet barocker Formen bedient - und vor der letzten Konsequenz dann doch zurückschreckt: Das Finale bricht ab, wie erschrocken vor den gerade aufgeworfenen Fragestellungen.

Zu hören ist davon bei Thielemann wenig. Nun muss man bei dem Opus nicht unbedingt in Abgründe blicken, wie es am selben Ort, mit demselben Ensemble einst Günter Wand gelang, aber spüren sollte man schon, dass hier Existenzielles verhandelt wird. Immerhin, Thielemann tut das, was er am besten kann: färbt das Klangbild mit viel dunkler Patina, formt butterweiche Übergänge, spannt großbogige Phrasen und lässt die Philharmoniker das Andante genüsslich aussingen.

Was irritierte: Die Absicht war stets mithörbar. Thielemanns Momentaufnahmen wirkten wie künstlich hergestellt, ergaben sich nicht aus einer logischen Entwicklung. Zum merkwürdigen Eindruck addierten sich manch unstete, raue Klanglichkeit, auch das Straucheln am Ende des Kopfsatzes, dazu ein Finale, das sich in krampfiger Rastlosigkeit erschöpfte.

Deutlich besser der doppelte Debussy vor der Pause. Thielemann, ungewohnt locker in der Körpersprache, verstand sich eher als Ermunterer seines Orchesters. Dieses dankte es ihm vor allem in "Prélude à l'après midi d'un faune" mit kleinen atmosphärischen Mirakeln und schönen Bläsersoli, später, in "La Mer", mit einem geschmeidigen Hinübergleiten von einem zum anderen Aggregatszustand sowie einem nie verkleisterten Klangbild. Die paar Violinschärfen waren da zu verschmerzen, der Rom-Trip steckte wohl noch in Bogen und Knochen.

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