Das Paket ist angerichtet

München - Das Loose Collective aus Österreich eröffnete in der Münchner Muffathalle die Tanzwerkstatt Europa. Lesen Sie hier die Premieren-Kritik!

Langjährig, vielseitig, vor allem nachhaltig: Walter Heuns Münchner Tanzwerkstatt Europa (TWE) rettet uns seit 1991 mit ihrem Vorstellungsprogramm nicht nur vor dem notorischen Sommerloch. Mit den parallel laufenden international besetzten Technik- und Stil-Workshops – für Profis und Amateure – setzt die TWE direkt an der Basis des Tanzes an, fördert und bildet weiter. Die TWE sei „ein ganzes Paket“, formulierte daher auch Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers kurz und richtig in seiner Ansprache zum TWE-Auftakt.

In der nur mit verschiedenen Lichtschattierungen und einem projizierten Kronleuchter ausgestatteten Muffathalle präsentierte die Truppe The Loose Collective aus Österreich die deutsche Erstaufführung von „Here comes the Crook“ (Hier kommt der Schurke). Titel und Libretto hat sich das vierköpfige Gründungs-Kollektiv vom ersten Broadway-Hit „The Black Crook“ aus dem Jahr 1866 geliehen und zusammen mit Soundkünstlern der Wiener Band 78plus mal ausprobiert, ob sich daraus etwas Neues zaubern lässt – mit recht hübschen Ansätzen. Auf einer kreisrunden Lichtinsel im vorderen Bühnenfeld erzählt uns ein postmoderner Vaudeville-Comedian seine Version dieser makabren Geschichte: von unglücklicher Liebe, von Gier und Bösewichten, vom Teufel, von Gold und Juwelen, von ein bisschen weniger bösen Hexen und schließlich dem Happy End. Jedes Wort wird mit raumgreifender Körpergestik ironisch bildhaft überhöht, während der Musiker im Hintergrund an Cello, E-Klavier und Sampler frühe Music-Hall-Zeiten beschwört – klangzerfetzend verfremdet natürlich.

So geht es dann weiter mit mal solo, mal im Duett, mal im Chor vorgetragenen Songs, die textlich die Schurken-Story aufkläppern mit Alltagsweisheiten und Kalendersprüchen. Ganz in der Musical-Tradition wird während des Singens auch getanzt. Manchmal begleiten zwei oder mehrere Darsteller den oder die gerade Singende mit dekorativen Bodenfiguren, die an die frühe US-Gruppe Pilobolus erinnern. Ob das Vokabular augenzwinkernd bewusst einfach gehalten ist oder ob das Kreativ-Team in Sachen Choreographie vorerst noch kreativ herumtastet, ist nicht endgültig auszumachen. Aber kein Problem: Es geht ja auch weniger um Tanz als um eine Neuerfindung des Musicals. Dass allerdings ein Plateau hoch oben auf der Zuschauer-Tribüne errichtet wurde und einer aus der Gruppe – die Treppen jeweils hinauf- und herunterhechelnd – dort spiegelbildlich die Körperaktionen unten auf der Bühne kopiert – das wäre nur sinnvoll oder hätte Extrawitz, wenn wir hinten auch Augen hätten. Doch der Versuch, das U-Genre Musical auf eine zeitgenössische E-Ebene zu stemmen, ehrt durchaus. Und vielleicht entwickelt sich da ja wirklich eine neue Form, eine Art Musical-Tanztheater-Verschnitt. Noch aber sehen wir lieber ein kommerziell, aber schnittig gemachtes Musical, mit Topstimmen und Topdance.

Malve Gradinger

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