Der Pakt mit dem Flügel

München - Hélène Grimaud, die französische Pianistin, weckt nicht nur als Klaviervirtuosin das Interesse des Publikums. Sie gründete das "Wolf Conservation Center" in der Nähe von New York, und kürzlich ist ihr zweites Buch erschienen. Am kommenden Freitag (20 Uhr) gastiert die Grimaud mit Beethovens 5. Klavierkonzert, begleitet vom Orchestre Philharmonique du Straßbourg unter Marc Albrecht im Münchner Gasteig.

Im Gespräch mit unserer Zeitung reagierte die Künstlerin auf fünf Stichworte: Musik, Flügel, Wölfe, Kinder, Bücher.

Musik: Sie waren in den vergangenen vier Wochen dreimal in München: zwei Konzerte mit viel Beethoven und eine Laudatio für die Sängerin Christine Schäfer beim Echo-Klassik.

Ich bin sehr froh, dass ich so oft und mit unterschiedlichen Programmen und Partnern in München auftreten kann: Kammermusik, Solo-Recital oder Klavierkonzert. Mit Beethoven habe ich mich immer auseinandergesetzt. Er ist ein Teil meines Lebens. Und Laudationes habe ich schon öfter gehalten. Es erscheint mir eine ganz organische Entwicklung, dass ich es jetzt für Christine Schäfer tat, denn wir haben zusammengearbeitet. Außerdem ist sie eine ganz besondere Künstlerin.

Flügel: Kürzlich kam es in Prag zu einem Eklat wegen eines Flügels. Das Konzert wurde abgesagt. Was war geschehen?

Ich sagte nicht ab. Ich probierte den Flügel einige Stunden vor dem Konzert aus und stellte fest: Er ist alt und müde. Das mittlere und ein Teil des tiefen Registers waren verstimmt. Die Herrichtung des Flügels, keine Modifikation, lediglich die Grundvoraussetzung zum Spielen, wurde verweigert, weil das Instrument dem Veranstalter nicht gehörte. Der Direktor erschien schließlich, sichtlich betrunken und sehr aggressiv, und drohte mir. Dirigent Luisi bat darum, dass der Flügel spielbar gemacht würde, aber die Situation eskalierte, es gab kein Zurück, und so sagte der Direktor das Konzert ab.

Was hat es mit unterschiedlichen Instrumenten auf sich?

Klaviere sind faszinierend. Viele Menschen ahnen nicht, dass jeder Konzertflügel seine eigene Persönlichkeit hat. Ich spiele immer Steinways. Jeder dieser Flügel hat seinen Charakter, die Instrumente klingen und reagieren unterschiedlich. Deshalb ist es wichtig, dass man bei einem Konzert eine Alternative hat, was auch in den Konzerthäusern normalerweise der Fall ist. Pianisten brauchen ihren Frieden mit dem Instrument, um das Beste zu leisten. Manchmal lehrt einen das Instrument auch etwas. Zuweilen muss man mit ihm kämpfen, muss ihm den Klang abringen oder einen psychologischen Pakt schließen.

Wölfe: Sie haben in der Nähe von New York das "Wolf Conservation Center" eingerichtet. Sie haben sich davon getrennt und leben nicht mehr in den USA. Vermissen Sie die Wölfe?

Ich lebe jetzt in der Schweiz, und natürlich vermisse ich die Wölfe. Aber ich habe zugleich einen größeren Frieden gefunden in meinem Leben. Es war schon ein heftiges Dilemma zwischen meinen beiden Aufgaben, und ich hatte immer das Gefühl, dass eine Sache zu kurz kam. Ich genieße es jetzt, ausschließlich Musik machen zu können.

Haben Sie von den Wölfen etwas gelernt?

Das ist schwer in Worte zu fassen. Die Wölfe haben mir beigebracht, im Augenblick zu leben. Hundert Prozent. Das ist für Menschen nicht so leicht, aber es ist eigentlich das, was auch ein Musiker braucht.

Kinder. Mit Ihrem Wolfsprojekt wandten Sie sich direkt an Kinder. Gibt es eine neue Idee, mit Kindern zu arbeiten?

Die Kinder kamen mit Schulklassen oder mit ihren Eltern, um die Wölfe zu beobachten. Sie lernten etwas über Biologie, über Ökologie, über die Zusammenhänge in der Natur, auch die zwischen Mensch und Tier. Natürlich gibt es noch Kontakte zu Kindern und Jugendlichen. Schulklassen besuchen meine Proben, und wir sprechen über die Musikstücke. Aber es gibt noch ein weiteres fantastisches Projekt, die Villa Sanssouci. Kranke und behinderte Kinder sollen hier in Camps all das machen dürfen und erleben können, was im Alltag nicht geht. Alles ist vorbereitet; es gibt ein großes Grundstück in Potsdam, und junge Architekten aus Cottbus werden das Haus mit Musik- und Theater-Sälen errichten. Der Start soll im nächsten Sommer sein.

Bücher: Sie haben 2003 Ihr erstes Buch, "Wolfssonate", veröffentlicht; jetzt ist Ihr zweites, "Lektionen des Lebens", erschienen. Wie kam es dazu?

Das erste Buch war nicht meine Entscheidung. Ein befreundeter Journalist hatte die Idee und fragte, ob ich ein Tagebuch geschrieben hätte. Das hatte ich nicht, aber ich hatte über die Jahre Gedanken gesammelt. Er vertraute mir und organisierte alles.

Worum geht es im neuen Buch?

Es ist fiktional. Es behandelt emotionale und metaphysische Dinge und beschreibt eine Reise von Italien nach Hamburg.

Wird es weitere Bücher geben?

Es gibt Ideen. Aber im Moment will ich nicht wieder zwischen zwei Aufgaben hin- und hergerissen sein. Ich möchte mich auf die Musik konzentrieren.

Ein Leben lang?

Ja. Ich will so lange spielen, wie ich kann. Mein Wunsch ist es zu wachsen - als Musikerin und als Mensch.

Das Gespräch führte Gabriele Luster

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Fette Fanta-Party
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Fette Fanta-Party
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare