La Paloma, Ehekrach und Dosenbier

- Hinter einem kleinen Tisch sitzt Marion Breckwoldt. Fingert an einer Tasse mit Goldrand, blättert in einem Textheft. Es ist 20.25 Uhr. Bis eben bevölkerte noch ein Rudel Schauspieler die Bühne. Eine knappe Stunde lang spielten sie Mann und Frau, Braut und Bräutigam, Jason und Medea. Sie spielten Hochzeit, die Reise nach Jerusalem, Karaoke und Geschlechtertausch. Es wurde getanzt, gesungen, gezuckt und grimassiert. Dazu erzählte man sich schaurigschöne Geschichten aus Heiner Müllers gesammelten Werken. Von flachstirnigen Argonauten, von Herakles 2 und seinem Kampf gegen die Hydra.

<P>In einer Zwischenszene hatte ein magerer, zotteliger Eisbär einen stummen Auftritt. Hatte er sich im Stück geirrt? War es der Idiot aus Böotien? Bis Marion Breckwoldt sich in die Mitte der Inszenierung spielt und mit ihrer Geschichte die Energien im Raum auf sich versammelt: Hier spricht Medea. Ich bin Tochter eines Viehhalters in Kolchis und Jasons ausgestoßene Frau. Ich liebte den Eroberer, der meinem Vater die Herden wegnahm und mir einen Bruder schuldig ist. Ich war sein Bett bis er mich tauschte gegen frisches Fleisch. Meine Kinder reiße ich in Stücke, weil mein Mann für eine Aufenthaltserlaubnis mit der Königstochter schläft. Ich bin ein fremdes, ausgeflipptes Ungeheuer ohne Wohnrecht in Korinth. "Heute ist Zahltag. Heute treibt Medea ihre Schulden ein."</P><P>Danach kippt die Inszenierung wieder in die beliebige Struktur des Anfangs. Ehe-Scharmützel, dazu Dosenbier und ein Bildschirm, der "Welt in die Stube speit". Kapitäne treten auf. Tanzmusik ertönt. Die Schauspielerin (Tanja Schleiff), die die Amme spielt, tanzt mit dem Schauspieler (Stephan Zinner), der den ersten, brautwerbenden Jason spielt. Der zweite, bürgerliche Jason (Jochen Noch) trägt jetzt ein Negligé´ und singt mit rauchiger Stimme "La Paloma", dazu begleitet ihn Medea, die einen Kapitänsanzug trägt, am Schifferklavier. Der dritte Jason (Robert Dölle) tanzt mit der zweiten Medea (Anna Böger), die noch immer das Brautkleid aus dem ersten Teil trägt. Jessas Medea!</P><P>Ein Intimkenner Heiner Müllers findet sich in diesem gereimten Gekröse noch zurecht. Ein Versuch der Orientierung: In Müllers Werk gewinnen die Menschen ihre Bedeutung auf dem großen, wüsten Konfliktfeld der Geschichte. Die Männer dominieren als Lohndrücker, Ingenieure und Parteifunktionäre. Die Frauen lieben, warten auf Heimkehr, gebären und tragen mit ihrer "kleinen Produktion" zu Aufbau und Veränderung bei. Erst in den späteren Stücken stoßen die Frauen ihre Matronen-Bilder vom Sockel, entfalten ein dramatisches Eigenleben und rütteln energisch an der Stabilität des Imperiums.</P><P>Eine Entwicklung, die Heiner Müller bereits 1974 in der Theaterpantomime "Medeaspiel" bildstark in Szene gesetzt hat. Die 1981/82 vollendete Trilogie "Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten" schreibt dieses Thema fort. Der Text ist ein Mythenkondensat. Ein Text-Brühwürfel aus antiken, trivialmythischen und biografischen Extrakten. Als solcher ziemlich ungenießbar. Müller warf ihn an das historisch kontaminierte Ufer eines Sees bei Strausberg, dort, wo die letzte große Panzerschlacht des Zweiten Weltkriegs stattgefunden hat.</P><P>Was macht nun Regisseurin Thirza Bruncken, die an den Kammerspielen schon Sarah Kanes "4.48 Psychose" klein gekriegt hat, aus diesem Material? Vor einer sepiafarbenen, auseinander klaffenden Kulissenlandschaft (Bühne und Kostüme: Robert Ebeling) mit Gewässer und Mittelgebirge inszeniert sie das Spiel im Spiel, wedelt mit dem Textbuch, navigiert ihre Traum- und Ideenschiffchen durch den Bauplan der Geschichte. Für die Schauspieler bedeutet das: Haltet Abstand zu Euern Figuren! Die Möglichkeiten ihrer prachtvollen Protagonistin wurden dabei vergeudet. Eine Frau, die den Aufstand probt, doch niemals wagen darf, begibt sich auf eine glücklose Reise. Möglicherweise ist die Regie damit der verrauchten, schmallippigen Theateridee Heiner Müllers sehr nahe gekommen. Das Publikum hat sie auf dieser Studienfahrt aus den Augen verloren.<BR><BR></P>

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