"La Paloma" wurde in Prag gesungen

- Der Reichspropagandaminister war wütend, der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine entsetzt. Die Nazi-Größen hatten ein zackiges Porträt der deutschen Seefahrt erwartet, und dann das: Der Film "Große Freiheit Nr. 7" zeigte einen alternden Säufer sowie leichte Mädchen in Hafenbars. "Die deutsche Frau ist ein Musterexemplar", protestierte Joseph Goebbels, und Großadmiral Karl Dönitz zischte: "Ein deutscher Matrose trinkt nicht."

<P>Der Film sei "Wehrkraft zersetzend", empfand auch die NS-Prüfstelle und verbot den Streifen am 12. Dezember 1944.<BR><BR>Zu viele Freiheiten<BR><BR>Heute gilt das Werk von Helmut Käutner (1908-1980) als gelungenster Farbfilm der Kriegsjahre. Vor genau 60 Jahren gab Goebbels jedoch nur einige Kopien zur Truppenbetreuung frei. Dabei fand die Uraufführung dort statt, wo "Große Freiheit Nr. 7" teilweise gedreht worden war: in Prag. Die erste Klappe war am 5. Mai 1943 im Ufa-Atelier Neubabelsberg gefallen, mit einem Staraufgebot: Hans Albers, Ilse Werner, Gustav Knuth. Doch die Außendreharbeiten in Hamburg wurden schnell wegen der alliierten "Operation Gomorrha" lebensgefährlich. <BR><BR>Käutner lässt daraufhin Sankt Pauli in der Mittelhalle des Ufa-Ateliers in Tempelhof nachbauen, doch Fliegerbomben vernichten das Gebäude.<BR><BR>Der Stab zieht in das besetzte Prag um, das als sichere Stadt gilt. Hier kann Käutner unbeaufsichtigt von NS-Zensoren in den Barrandov-Studios am Stadtrand arbeiten. Die Anlage gehört Milos Havel, dem Onkel des späteren Präsidenten Vaclav Havel. Goebbels hat dem Regisseur zwei Befehle mit auf den Weg gegeben: Anders als in der Vorlage, muss der Held "Hannes" statt "Johnny" heißen - das klinge "deutscher". Zweitens muss der Name des Films um die Hausnummer 7 ergänzt werden - der von Käutner gewählte Titel "Große Freiheit" könnte laut Goebbels "subversive Gedanken wecken".<BR><BR>In Prag wird aus dem als Marine-Schnulze geplanten Film eine düstere Ballade. Statt den bewährt kernigen Draufgänger zu geben, verkörpert Albers einen verzweifelten Sänger. Was er wohl nicht weiß: Während er in Prag "La Paloma" singt, liegt der Vater seiner Lebensgefährtin Hansi Burg, der Künstler Eugen Burg, wenige Kilometer entfernt im KZ Theresienstadt im Sterben.<BR><BR>Nachdem "Große Freiheit Nr. 7" im Sommer 1945 überraschend den Schwedischen Kritikerpreis gewinnt, gibt die Kontrollstelle der Alliierten den Film frei. Im September 1945 feiert er in Berlin Uraufführung, und wieder gibt es Proteste - weil das Nachtleben an der Reeperbahn ziemlich ungeschminkt präsentiert wird. Auf Wunsch der "Katholischen Filmkommission" schneidet der Viktoria-Verleih "pikante Szenen" aus dem Film.<BR><BR>Das Kommissionsurteil lautete daraufhin: "Alter deutscher Farbfilm mit der Liebesgeschichte eines vom Lande stammenden Mädchens im Hamburger Hafen. Nicht wegen der realistischen Milieuschilderung eines Vergnügungslokals, sondern im Hinblick auf die unsympathische Selbstverständlichkeit vorehelicher Hingabe wird vom Besuch abgeraten." Auch eine angebliche "homoerotische Männerkumpanei im Seeleutemilieu" wird kritisiert.</P>

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