Panik vor der Hochzeit

- Quietschendes Kinderlachen noch vor dem ersten Ton lockt auf den falschen Pfad. Denn wer am Sonntagabend im Salzburger Kleinen Festspielhaus ein harmloses Vergnügen erwartete, dem gingen rasch die Augen auf: Salzburgs neue "Entführung aus dem Serail" ist ein wahrer Albtraum. Stefan Herheim, der 30-jährige Norweger, liest Mozarts deutsches Singspiel von 1782 bereits wie eine Studie zur späteren "Così fan tutte", die der junge Regisseur schon dreimal inszeniert hat.

<P>Herheim - bei der Münchener Biennale zuletzt mit "Marlowe: Der Jude von Malta" hervorgetreten - fegt forsch durch die lasche Bretzner/Stephanie-Story und vermittelt dabei den Eindruck, dass das Mozart gar nicht unrecht gewesen wäre. "Hier soll ich dich denn sehen", so beginnt Belmonte das Stück und liefert Herheim das Stichwort: Hier und jetzt - unter einem Rudel junger Leute in Brautkleid und Frack in einer noch leeren Wohnung - spielen sich die Szenen vor der Ehe ab.</P><P>Turbulent und verrückt, heiter und qualvoll mischen sich Hoffnungen und Befürchtungen, kleine Seligkeiten und große Ängste, wirbeln die Figuren durcheinander, dass keiner mehr weiß, wer er wirklich ist. Der Bassa Selim spukt gar nur noch als Kopfgeburt durch die Hirne der fünf singenden Protagonisten. Frappierend, wie das funktioniert, weil alle ein bisschen Bassa sind. Das Türkische (zu Mozarts Zeiten Mode) hat ausgedient; edle Aufklärung muss im eigenen Kopf stattfinden. Belmontes bange Frage "Täuscht mich die Liebe, war es ein Traum?" - wird zur existenziellen Erschütterung, die verwirrende Träume gebiert: Konstanze als Mutter - schwanger, mit Baby, mit Kind. Männertraumata vor der Hochzeit. Der Janitscharenchor wird zum Polterabend unter Junggesellen, und Pedrillo spricht des Bassas Text in Karl-Moik-Manier durchs Mikrofon.</P><P>Ganz nah an der Realität rangiert auch Herheims Geschenkeliste. Aus den sich türmenden Paketen packen die halb angezogenen Bräute das Lebenswichtige aus: Waschmaschine, Mixer, Herd, Bügeleisen, derweil Blonde von dem singt, was Frauen wirklich brauchen: "Zärtlichkeit und Schmeicheln", und Osmin mit dem Bügeleisen die Finger verbrennt. Stimmig auch, wenn Braut Konstanze bei Braut Blonde Trost und Sicherheit sucht, wenn die Mädels alle Schreckensvisionen (der Marternarie) durchspielen und Blonde den gewalttätigen Bassa mimt. Regisseur Herheim vertraut auf die zündende Kraft seiner Fantasie und bremst seine Assoziationslust nie. Was problematisch ist. </P><P>Denn unter seinen sprudelnden Einfällen säuft die Musik ab. Zumal er die Dialoge zwischen den 21 musikalischen Nummern verquasselt aufplustert und damit das Gleichgewicht sausen lässt. Dennoch bis zur Pause - wenn Pedrillo mitten im zweiten Akt einen Stecker zieht, die Bühne dunkel und der Zuschauerraum hell wird - birgt die Inszenierung viel Amüsantes, Abgründiges, Witziges, Erhellendes. </P><P>Gefahr der Reizüberflutung</P><P>Danach wird es lauer, und gegen Schluss zerfallen Konzept und Singspiel so, dass der Regisseur mit letztem Humor Osmin das Ende der Story einklagen lässt. Zuvor durfte Osmin (nicht restlos schlüssig) via  TV  Bassas  großmütige  Freilassung der beiden Paare verkünden. Zu viel packt Herheim hinein in seine Version der "Entführung", die sich so bilderreich auf das Gefangensein der Geschlechter in ihren Rollen, in ihren Nöten einlässt, die das Paar-Verhalten demaskiert und die letzte Panik vor der Hochzeit so frech und komisch wie verstörend beschreibt. Da gehen die Bräutigame ihren Bräuten dreist an die Wäsche, robben unter Tüllröcken hervor, treiben Belmonte und Pedrillo mit Osmin ihre Männerscherze beim Terzett: "Marsch, marsch, marsch". </P><P>Herheim ironisiert diesen Hahnenkampf filmisch gekonnt, wie er überhaupt die gesamte Inszenierung mit virtuosen Video-Einspielungen ästhetisiert oder kommentiert. Grandiose Überblendungen, perfekte Verschiebungen und Lichtspiele verwandeln die klassizistisch klaren, durch hohe Fenster gegliederten (Traum-)Räume von Gottfried Pilz, der sich mit seiner ersten Festspiel-Kollektion auch als Brautausstatter profilierte.</P><P>Gegen die wortreiche, optische Reizüberflutung kämpfte Ivor Bolton am Pult des Mozarteum Orchesters auf fast verlorenem Posten. Ein wenig pauschal und deftig klang sein Mozart schon. Ob zu viele Münchner Händel-Opern ihm den Blick für die Differenzierungen, für die feine Charakterzeichnung schon dieser frühen Mozart-Menschen getrübt haben? Mit kräftigen Farben verschaffte er dem Orchester Gehör und den Sängern, die er vor extremen Tempi bewahrte, eine solide Grundlage, auf der sie sich mit aller Spiellust austoben konnten. Allen voran Diana Damrau als handfeste Blonde mit keckem Charme und bravourösem Gesang. </P><P>Dietmar Kerschbaum hielt als Pedrillo mit kernigem Tenor bestens mit. Beide sind nicht Diener, sondern Freunde des hohen Paares Konstanze und Belmonte. Schien Iride Martinez anfangs stimmlich leicht befangen, so sang sie sich zunehmend frei und brillierte schließlich in der Marternarie. Jonas Kaufmann passte als Typ perfekt, klang jedoch mit leicht baritonal timbriertem Tenor anfangs leicht fremd. Als Osmin mit wendigem, tiefem Bass trieb Peter Rose sein böses Spiel. Am Schluss (wie zu Beginn) noch einmal als Pfarrer, der zum wüsten "Erst geköpft, dann gehangen" die Paare segnete.</P><P>Kein Wunder, dass sie verstört von der Bühne torkelten. Und viele Premierengäste empört buhten, bevor wieder ein Kind lachte. Uns auslachte?<BR></P>

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