Im Comic ist die Geschichte einfach: Der schmächtige Peter Parker wird von einer radioaktiv verseuchten Spinne gebissen und verfügt fortan über die Fähigkeiten und Kräfte, die eine Spinne in seiner Größe hätte. Auf der Bühne ist das Abseilen an „Spinnenfäden“ gefährlich: Bei den Proben zum „Spider-Man“-Musical verletzte sich der Stuntman Christopher Tierney schwer, der in dieser Szene Hauptdarsteller Reeve Carney doubelt.

Pannen-Musical "Spider-Man": Stürzt die Spinne wieder ab?

Spider-Man scheint den Broadway nicht zu mögen. Bis heute musste die Premiere des Musicals, das auf dem Comic-Helden mit den Fähigkeiten einer Spinne beruht, sechs Mal verschoben werden.

Diese Schmach dürfte tief sitzen. Da hat es ein gewiefter New Yorker Comedian doch tatsächlich geschafft, den Pop-Titanen Bono und The Edge eine Nase zu drehen. Denn während deren seit Monaten kränkelndes Musical „Spider-Man - Turn Off The Dark“ („Spider-Man - Schalte die Dunkelheit aus“) zum Running Gag der laufenden Broadway-Saison geworden ist, haben Julian Moran und seine Mitstreiter ihr konkurrierendes „Spidey-Project“ in gut 30 Tagen getextet, komponiert und mit einem Null-Budget in Szene gesetzt. Womit für die hämisch bloggenden und twitternden Theaterfans der Beweis erbracht war, dass es keineswegs 67 Millionen US-Dollar braucht, um ein unterhaltsames Musical auf die Bühne zu bringen. So viel hatten die Produzenten von „Spider-Man“ für das bis dato teuerste Musical aller Zeiten veranschlagt, mit dem man alles bisher Dagewesene überbieten wollte.

Als Regisseurin wurde Julie Taymor geschasst – dennoch ist sie Mit-Autorin des „Spider-Man“-Musicals.

Ob die Investoren von ihren Geldern irgendwann auch nur einen Cent wiedersehen, steht in den Sternen. Denn laut den Berechnungen eines findigen Mathematikers müsste das Stück angeblich mindestens zwölf Jahre laufen, ehe die Gewinnzone in Sichtweite kommt. Und so ungern man den Pessimisten spielt, aber danach sieht es im Moment nicht aus. Seit den ersten Voraufführungen im vergangenen November dringen regelmäßig Meldungen über Streit und Pannen aus dem Foxwoods-Theater am Broadway: von Schwierigkeiten mit dem Bühnenbild ist die Rede oder von Akrobaten, die sich in den Stahlseilen des Spinnenmanns verheddern und auf offener Szene befreit werden müssen. Trauriger Höhepunkt war der Unfall eines Stuntmans, der mit mehreren Brüchen auf der Intensivstation landete, nachdem zuvor bereits Hauptdarstellerin Natalie Mendoza nach einer Gehirnerschütterung aus dem Projekt ausgestiegen war. So verschob sich die Premiere immer wieder - mittlerweile wurde zum sechsten Mal ein neuer Termin genannt! Wo bei anderen Stücken während der üblichen zwei- bis dreiwöchigen Voraufführungen letzte Unebenheiten geglättet werden, entwickelte sich „Spider-Man“ zu einer Art öffentlichem Workshop, für den man aber trotz allem den vollen Eintrittspreis nahm. Was die US-Presse schließlich zum Anlass nahm, die Bitten der Produzenten zu ignorieren und nach drei Monaten Gnadenfrist vernichtende Rezensionen zu drucken.

Musste nach einem Unfall bei den Musical-Proben auf die Intensiv-Station: der Stuntman Christopher Tierney.

Die merkwürdige Idee mit dem singenden Superhelden war übrigens gar nicht mal so neu: Schon im Jahr 1966 hatte Komponist Charles Strouse seinen skeptisch beäugten „Superman“ auf die Bühne des New Yorker Alvin Theatres gebracht. Doch trotz ähnlich populärer Vorlage fiel auch hier nach wenigen Wochen und herben Verlusten der letzte Vorhang. Man hätte es ahnen können, dass sich Comic-Helden und die Bühne nicht so recht vertragen - sieht man einmal von den „Peanuts“ ab, die gleich in verschiedenen Versionen ein reges Theaterleben führen. Charlie Brown und Co. haben aber auch keine übermenschlichen Kräfte, die bei den Produzenten für Kopfzerbrechen sorgen könnten.
Denn was sich in Hollywood am Computer programmieren lässt, ist in der realen Welt immer noch Handarbeit. Die hätte bei „Spider-Man“ auch Regisseurin Julie Taymor erledigen sollen, der mit dem weltweit erfolgreichen „König der Löwen“ bereits einmal das Kunststück glückte, zweidimensionalen Zeichnungen Bühnenleben einzuhauchen. Doch weil es mit dem verworrenen Skript und den eher belanglosen Songs von „Spider-Man“ nicht klappen wollte, wurde Taymor zum Sündenbock erklärt und durch Phil McKinley ersetzt. Der zog erst einmal die Notbremse und verordnete der Produktion eine vierwöchige „Kreativpause“. Ob es ihm gelingen wird, die Pleitegeier zu vertreiben, wird sich ab morgen zeigen, wenn die Voraufführungen von Neuem starten. Offizielles Premierendatum nach heutigem Stand: 14. Juni. Warten wir es ab.

von Tobias Hell

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