Panorama der Begabungen

- Schaulaufen der Talente, alle Jahre wieder. Junge Komiker, jugendliche Helden, verdächtige Hochdramatische: Charme-Attacke der Startergeneration 2006. Die Münchner Otto-Falckenberg-Schule und die Bayerische Theaterakademie luden ein zum Intendanten-Vorsprechen. Das heißt: Die Schauspielstudenten, die sich in ihrem letzten Studienjahr befinden, begeben sich auf den Markt. Sie werden feil geboten den Theaterleitern, Bühnenagenten und Casting-Chefs. Sie alle sind gekommen, um die frische Ware zu begutachten oder gleich "mitzunehmen".

So prosaisch ist der Vorgang der Enagagementsuche, wenn man einmal die idealistische Seite des Schauspieler-Berufs außer Acht lassen würde. Aber das darf man nicht. Denn die besteht in dem Wunsch, vielleicht auch dem inneren Drang der jungen, hoffnungsvollen Absolventen, sich einer künstlerischen "Sendung" in den Dienst zu stellen. Doch der Beruf beinhaltet ja mehr: die Lust am Spiel, der Genuss an Selbstdarstellung, die Fähigkeit, sich zu "verkaufen", die Bereitschaft zu leiden. Dazu muss sich das "Handwerk" gesellen, die körperlichen und sprachlichen Mittel also.

Wenn nun in München die städtische Schauspielschule sowie die staatliche Akademie ihre Absolventen zeitgleich ins Rennen schicken, dann bietet sich nicht nur für die professionellen Talente-Jäger ein hochinteressantes Panorama der Begabungen. Auffallend ist, dass Jochen Schölch von der Akademie seinen jungen Schauspielern offenbar jene wohltuende Bescheidenheit verordnet hat, die die Falckenbergler seit eh und je auszeichnet. "Theatern" streng verboten.

Die klug ausgewählten Texte - von Schiller bis Achternbusch, Tschechow bis Botho Strauß - führen die Kandidaten immer wieder auch auf sich selbst zurück, auf Illusion und Desillusion des Metiers. In ihren Monologen und Dialogen zeigen sie sich pur und unverstellt, als könne man hineinleuchten in ihre nackten Seelen. Und das ist schon einmal sehr, sehr viel. Hier geht es nicht darum, wer von den zehn Falckenberglern und den acht Akademiestudenten mehr, wer weniger gut ist; wer einen Monolog spricht, der ihn inhaltlich überfordert, oder wer eine mit seinem Lehrer besonders gut einstudierte Szene spielen durfte. Starke Individualisten in der Schölch-Klasse, ein fabelhaft aufeinander abgestimmtes Ensemble an der Schule von Christoph Leimbacher - so jedenfalls hat es den Anschein.

Eindeutig ablesbar bei beiden Präsentationen: die elementare Bedeutung des gekonnten Sprechens. Wenn zum Beispiel Lena Dörrie von der Theaterakademie den Schlachtbericht der Meroe aus Kleists "Penthesilea" vorträgt, gewinnt sie gedankliche Klarheit, Kraft und Souveränität nicht zuletzt aus einem exzellenten Sprechen, das ihr erst den gekonnten Umgang mit Kleists Sprache ermöglicht. Ein herausragender Eindruck.

Besuch nach tel. Anmeldung: Falckenbergschule - 089/233 370 80, heute 15 und 20 Uhr; Akademie - 089/21 85 28 08, morgen 11 Uhr.

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