Panzer rollen übers Land

- "Arboga, könnt Ihr mir die Rechte nennen, die ein König hat", fragt ins Mikrofon der frisch zum König ernannte Herzog Theodor von Gothland den Grafen. "Ein König", antwortet der ins andere Mikrofon, "hat gar große Rechte, als das Recht der Willkür, die Befugnis zur Gewalt, das Recht des Völkermordes." "Ist Völkermord ein Königsrecht", will Gothland wissen. "O yes, I believe it", so die kurze Antwort.

<P>Sätze wie diese - tatsächlich, sie stammen aus der fünfaktigen Tragödie "Herzog Theodor von Gothland" von Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) - sind der Grund, warum die junge Regisseurin Tina Lanik und mit ihr das Bayerische Staatsschauspiel sich für dieses Stück entschieden haben. Sie geben dem mit wildem Furor geschriebenen Erstlingsdrama des 21-jährigen, trunksüchtigen, im Zuchthaus geborenen Genie aus Detmold eine gewisse Modernität. Und spätestens mit der aktuell auf Englisch formulierten Antwort weiß man Bescheid, wofür dieses Stück im Spielplan steht. Dann verlässt der Graf lässig den Schauplatz, der eine moderne Pressekonferenz sein könnte, und intoniert kurz Rod Stewarts "Bang Bang".<BR><BR>"Herzog Theodor von Gothland" hatte im Münchner Residenztheater Premiere. Ein Bühnenschinken und Schmachtfetzen, ungeschlacht und roh, wild, destruktiv und zynisch, shakespearend und schillernd, genial und faszinierend. Eine Tragödie ohne tragischen Helden. Und ohne objektiven Konflikt. Sie entzündet sich allein an dem subjektiven Willen zur Rache, der Lust des Mordens, der Gier nach Macht. Das ist das Zeitgemäße daran.<BR><BR>Dafür stehen in Grabbes Stück zwei Figuren: Gothland, der Schwede, und Berdoa, der schwarze Oberbefehlshaber der Finnen, der "Neger" des Nordens. Wie eine Marionette führt er Gothland in den Vernichtungskampf und wird darin am Ende selbst vernichtet, weil sein Opfer den Täter übertrifft. Zwei Figuren, die sich in ihrer blutrünstigen Rivalität immer mehr angleichen. In der Aufführung des Residenztheaters zwei Schauspieler, die unterschiedlicher nicht sein können: Thomas Loibl als Gothland und Barbara Melzl als Berdoa.<BR><BR>Für Loibl eine Riesenrolle. Vom gut gelaunten, siegesgewissen Herzog, von einem verführbaren Naivling zum dumpfen Rächer, zum kaltblütigen Täter, zum Angstzweifler und vom Schicksal Gejagten, zu einem, der sich, nachdem er im Ritualkampf seinen Gegner erledigt hat, wie erlöst dem Tod preisgibt. Der kommt dann in dieser Inszenierung allerdings überraschend: Ein kleines Mädchen betritt die Bühne, zieht den Revolver und erschießt Gothland. Und Panzer rollen per Riesenvideoleinwand über die Toten und das Land.<BR><BR>"Die Erde ist von heilgem Blut gerötet Und ein geschminkter Tiger ist der Mensch!<BR>Gothland</P><P>Loibl spielt - und das tut er sehr gut - vor allem den Zweifler, den Verunsicherten, den Getriebenen, unterlegt immer mit leisem Sehnsuchtshauch und fahrigen Gesten. Ist stark besonders in den Monologen. Versagt sich aber die große, schillernde, egomanische, alle Möglichkeiten beinhaltende Figur, als die sich dieser Mann auch denken ließe. Doch das kann, das soll er hier wohl nicht sein. Denn die Regie will es, dass der schwarze Berdoa als sein zweites Ich gesehen wird. Darum spielt diesen Mann auch eine Frau.<BR><BR>Logisch ist das nicht. Aber Barbara Melzl macht das wunderbar. Sie benötigt keine schwarze Schminke, ihre Haut bleibt weiß; es ist Außenseiter genug, dass sie als Frau einen Mann spielt. Von hexenhafter Boshaftigkeit und androgyner Verführung. Sie trägt im wahrsten Sinne des Wortes die Flamme der Vernichtung in Gothlands Schlafzimmer, indem sie mit einem Feuerzeug die ums Bett gelegte Lunte zündet. Mit einem Kuss zwingt sie Gothland in die Knie und auf Berdoas Rache-Kurs. Und mit einem Kuss auch besiegeln beide am Ende ihren Tod. Dazwischen Melzl mit großem Berdoa-Monolog wie losgelassen in einer furiosen Nummer eines wilden Tieres, eines Affen hinter Gittern, eines Gefangenen, dessen Ziel Zerstörung ist. "Sinne, öffnet eure Tore" - und beschworen wird die böse Glut Afrikas. In der Aufführung eine Art Zitat jenes Klischees, in das der Dichter 1822 Gothlands Gegenspieler als "Neger" kleidete.<BR><BR>Diese Inszenierung hat viele gute Momente. Tina Lanik stellt auf interessante Weise ein kaum gespieltes Stück zur Diskussion und präsentiert es uns in seiner überraschenden Heutigkeit. Staunenswert Laniks gekonnter Umgang mit dem großen Stoff. Hochachtenswert ihre Regie-Uneitelkeit. Es gelingt ihr, Grabbes überflutende, verwirrende Geschichte klar zu erzählen. Die Klammer aber - USA, Krieg, Islam - greift nur teilweise. Sie holt das Stück aus seiner Wüstenei, glättet und reduziert es. Dass es kein großer Abend ist, mag vielleicht am noch mangelnden Mut zu großer Geste und starker Leidenschaft liegen. Ein Hauch nordischer Kälte macht sich breit.<BR><BR>Gegen den sich drei Schauspieler in bemerkenswerter Weise mit einigem Humor durchsetzen. Die Resi-Alten Richard Beek und Helmut Pick, die in einer herrlichen Clownsnummer auf dem Boden sitzen und greisenfroh sich vornehmen, am nächsten Tag aber wirklich den Gothland zu erschlagen. Und Christian Friedel, Neuzugang und Jüngster im Ensemble, als Gothlands Sohn Gustav, der mit Schlauchboot unterm Arm den Kriegsschauplatz betritt, brünstig den Namen Selma herausbrüllt und die ganze kluge Opposition, den Hochmut und die wehmütige Trauer einer geopferten Generation versinnbildlicht.<BR><BR>Viel Anteil daran, dass diese Aufführung drei Stunden weitgehend ihre Spannung hält, hat das so einfache wie raffinierte Bühnenbild von Magdalena Gut, die es reichlich regnen und schneien lässt. Ein leerer Raum. Begrenzt von einem unterschiedlich ausgeleuchteten Rundhorizont. Davor in der Höhe variable Stahlplatten-Wände. Gefängnis, Schlachthaus, Festung, die immer wieder kriegerisch erschüttert wird durch komponierten Gefechtsdonner.<BR>Am Ende großer Applaus. Für den alten Grabbe und die junge Truppe, die in jedem Fall einen anregenden Theaterabend garantiert.<BR><BR></P>

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