Papier vor Scheinwerfer

- Licht strahlt durch die Blätter, fast denkt man an einen entspannenden Ausblick auf den Himmel, doch etwas stimmt hier nicht. Die Äste sind merkwürdig steif, die Blätter kalt und unbeweglich auf diesen Fotos. 29 Mal Idylle, die keine ist: "Flare", die eigens für das Münchner Lenbachhaus geschaffene Installation, gaukelt Natur vor und ist doch nur Papier vor Scheinwerfern.

Wie bei allen Arbeiten von Thomas Demand bedarf es des zweiten Blicks und der Erklärung, um sie zu entschlüsseln. Er baut Modelle der Realität, die er filmisch oder fotografisch in Szene setzt. Diese irritierenden Hinterfragungen der Wahrnehmung, der Wahrheit und der Künstlichkeit, sind erstmals im großen Umfang ausgestellt. Zwischen 1998 und 2002 begab sich Demand in ein Wechselspiel zwischen Film und Fotografie, das genauso subtil wie plakativ ist. Ein neuer Weg der Verschränkung der Gattungen. <BR><BR>Demand ist mit seinen Werken von Berlin zurück an den Ort seines Studiums gekehrt, präsentiert wurde er bisher zumeist im englischsprachigen Raum. Vielleicht schreckte man in Deutschland vor den scheinbar banalen, aber doch beklemmenden Bildern zurück. Die Umkleidekabine wirkt beliebig, ist der Prototyp aller Sportstätten: Bänke, Haken, Abfalleimer. Ein bisschen kann man es erkennen: Der Raum ist fast originalgroß aus Papier nachgebaut, abfotografiert und dann zerstört worden. Von der Skulptur bleibt das bloße Bild, groß aufgezogen hinter Plexiglas, überreal und doch rein illusorisch. <BR><BR>Demand braucht lange, bis er diese sozialen Räume findet. Doch die Dinge haben ihre Echtheit verloren, die Geschichten dazu existieren nur noch in der Vorstellung. Naturimagination wie das Grasstück, politische Dimensionen wie bei einem amerikanischen Wahlbüro sind in den Pappe- und Folienmodellen versteckt, die nur sterile Oberflächen zeigen. <BR><BR>Die Filme sind die Weiterentwicklung dieser Arbeiten. Der Tunnel, in dem Lady Di verunglückte, wurde in zwei Varianten nachgebaut, er wird wieder und wieder durchfahren. Der Betrachter ist fast integriert im Säulenraum, er kennt das Szenario zudem aus den Medien, fühlt sich als Teil einer projizierten Situation. Bei dem "Recorder" wählt Demand das umgekehrte Prinzip: Er montiert Einzelbilder aneinander und erzeugt so eine scheinbare Bewegung, die in ihrer Eckigkeit, in den Details und mit der Musik einen Bruch mit der Wirklichkeit inszeniert. Zurück bleibt beim Betrachter das merkwürdige Gefühl einer seltsamen Unstimmigkeit - des Bildes, der Wahrnehmung, des Lebens. <BR><BR>Bis 19. Januar, Telefon 089/ 23 33 20 00, Katalog: 25 Euro. <BR>

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