Paradies der Ausbeuter

- Bilder aus dem Reiseprospekt für Traumbungalows auf pazifischen Inselparadiesen. Palmen, Wasserfälle, Bächlein draußen - Tropenholz-Möbel, Blumenschalen und gefällige Diener drinnen. Das sind Westlerfantasien, und die bleiben trotz Tsunami, verseuchter Natur und ausgebeuteter Menschen. Der Berliner Regisseur Thomas Ostermeier hat für die Münchner Kammerspiele auf Exotik gesetzt - nicht auf Schlesien. Er hat sich an Gerhart Hauptmanns Erstling "Vor Sonnenaufgang" gewagt. Hat man schon bei ihm Schwierigkeiten, der Titel-Verheißung zu glauben, so löscht sie Ostermeier konsequent. Er lässt das Drama, das am Dienstagabend Premiere hatte, zwar nicht mit dem Freitod Helenes enden, aber sein Schluss ist schlimmer. Alles wird genauso trostlos weitergehen wie bisher.

Die Inszenierung folgt ziemlich konsequent der politischen Intention des Stücks, das 1889 in Berlin wegen der Zensur nur in einem privaten Theater uraufgeführt werden konnte. Habsucht, Mitleidlosigkeit, Verschlagenheit, Geilheit, Suchtkrankheit, Kulturlosigkeit, Gleichgültigkeit stellt Hauptmann drastisch aus. Das sind Konstanten, die immer und überall existieren. Was ihm der Bergbau war, ist Ostermeier die Globalisierung, konkret die asiatische Textilindustrie. Wenn Weltverbesserer Loth und sein Jugendfreund, der Fabrikmanager Hoffmann, volkswirtschaftlich diskutieren, dann so, als hätte das Hauptmann jetzt aufgeschrieben. Kapitalismus als Konstante.<BR><BR>Der grüne Abenteuertourist Loth, Gutmensch und beschreibender Forscher (wie einst Marx in England), gerät in ein vor Gift blubberndes Biotop, in die Familie Krause. Es sind wieder einmal "die Bösen", die theatralisch etwas hergeben, ihre Opfer tauchen fast gar nicht auf. Vertreten werden sie durch die Diener, denen Narudee Sriprasertkul und Joel Olañ~o natürliche Würde verleihen. Vertreten werden sie auch durch ein Video nach der Pause, das klug und effizient sausende Neonreklame-Elemente mit Informationen über minimale Stundenlöhne, Riesen-Gewinnspannen sowie maximale  Arbeitszeiten  bei schlechter Versorgung verzahnt. Wie überhaupt die Videoarbeit von Sebastian Dupouey im Vergleich zu den üblichen Bühnenfilmchen erstaunlich hohe Qualität hat.<BR><BR>Spannende Politik<BR><BR>Es tut durchaus gut, politisch, ja tagespolitisch konkret gefordert zu werden im Theater. Der junge Hauptmann hat das geschickt verpackt. Es gibt die sanfte Liebesgeschichte und sexgierige Episoden. Es gibt das dunkle Familiengeheimnis um Alkoholismus, der sogar die Kinder Hoffmanns tötet. Ostermeier drängt die Suff-Vererbung (von der Hauptmann als Tatsache ausging) ab und baut die sexuelle Gewalt aus. Bei ihm wird Helene seit langem vom Säufer-Vater missbraucht. Dieses mittlerweile zu Tode strapazierte Motiv setzt der Regisseur jedoch funktional ein. Damit kann er einleuchtend erklären, warum Loth Helene sitzen lässt. Weil sie ihm ihr Leid verschwiegen, kein Vertrauen zu ihm habe. Tatsächlich trifft die Regie mit dieser verlogenen Aussage Loths das Schillern dieses Charakters im Stück. Wenn er tatsächlich etwas Gutes tun kann und soll, versagt er - ohne sich seiner Schuld bewusst zu sein. Ideologie ohne Menschlichkeit.<BR><BR>Gedämpfte Dramatik<P>Hauptmann betreibt Politik und gleichermaßen Psychologie in "Vor Sonnenaufgang". Von Letzterer profitieren vor allem die Figuren Helene, Loth und Hoffmann. Julia Jentsch, Stephan Bissmeier und Michael Neuenschwander spielen sie gewissermaßen zeitverzögert. Ostermeier fürchtete wohl die Naturalismus-Falle. Aber wer nur  piano  arbeitet  und die Tempi lediglich gleichmäßig fließen lässt - was schön sein kann bei der heute modischen Bühnenhektik -, muss viel mehr aus den Darstellern herausholen. Sie müssten in die Ruhe und Langsamkeit stumme, aber spannende Schilderungen hinter der vordergründigen Geschichte erzählen. Das gelingt zu selten.<BR><BR>Ähnlich steht's mit dem Humor. Man merkt der Inszenierung an, dass Thomas Ostermeier Gerhart Hauptmanns Bauerntheater-Komödiantik wahrgenommen hat, dass er schon ganz gern damit spielen möchte - Liebhaber mit heruntergelassenen Hosen (Murali Perumal) -, aber er traut sich nicht. So bleibt es bis auf die Frau Krause von Hildegard Schmahl, die Pointen servieren kann und wirklich lust-spielt, bei einer trotz sinnloser Showeinlage und zum Teil schlechter Sprechtechnik beachtenswerten, aber gedämpften Veranstaltung. Freundlicher Applaus.<BR><BR><BR></P>

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