Das Paradies schlechthin

- Das war's also. Letzte Vorstellung "Onkel Wanja" am Residenztheater. Thomas Holtzmann als der alte Professor Serebrjakow, der, natürlich, eine junge Frau hat, in diesem Fall Sunnyi Melles. Für die Zuschauer war das nicht nur Abschied von einer wunderbaren Tschechow-Inszenierung.

Es bedeutete auch erneut Abschied von einer weiteren großen Holtzmann-Rolle. Denn an diesem Sonntag wird Thomas Holtzmann achtzig.

Große Rollen hat er Zeit seines Lebens gespielt. Nun aber sind es immer weniger geworden. Er will es so. Übrig ist nur noch "Der Kaufmann von Venedig" von Shakespeare: Antonio, die Titelrolle. Und der sehr kleine, mit gespieltem jugendlichen Schwung und einer jungen Schönen im Arm absolvierte Auftritt des verwahrlosten Intellektuellen in "Die eine und die andere" von Botho Strauß. Beide Stücke sind aber höchst selten zu sehen. Wer also Thomas Holtzmann live erleben will, dem bietet sich "Die Fülle des Wohllauts" als nächste Gelegenheit: eine szenische Lesung am 22. April, 15. 30 Uhr, im Prinzregententheater.

"Ich habe nie verstanden, warum Dorn noch nie einen Tschechow gemacht hat."

Thomas Holtzmann

Ob er traurig gewesen sei anlässlich der letzten "Wanja"-Vorstellung? "Ach, bei Tschechow war ich das schon. Bei anderen Stücken ist man ja manchmal froh, dass es vorbei ist. Dennoch, es ist kein Trauerfall. In diesem Alter freut man sich über jede nicht spielen zu müssende Aufführung. Ich bin froh, wenn man mich zufrieden lässt."

Ist es Koketterie oder Bescheidenheit, wenn Holtzmann es mit seinen nunmehr 80 Jahren begründet, nicht mehr so spielwütig zu sein? Oder ist es einfach Ausdruck für die Tatsache, dass er, der absolut Erfolgverwöhnte, ein Meister des Understatements ist? Er musste nie etwas tun, um aufzufallen. Er fällt auf. Er, der von Anbeginn seines Berufs ausschließlich in der ersten Reihe stand, niemals in der zweiten, unterspielt im Leben wie auf der Bühne. Und gelangt gerade dadurch zu wahrer Größe.

Ein klarer, kalter, windiger Frühlingstag. Leicht gebeugt, ohne Mantel, nur mit Jackett, darunter ein rotes T-Shirt, dafür aber gut behandschuht betritt er federnden Schritts die Hotelhalle, in der wir verabredet sind. Nichts Müdes in seinem Ausdruck. Aus den Augen funkelt Lust auf das Gespräch, das er viel lieber übers Reisen führen würde als über sich, seinen 80. Geburtstag und die Schauspielerei.

"Wir haben am Theater schon so viele Revolutionen hinter uns gebracht, dass man nur noch gelangweilt abwinken kann."

Thomas Holtzmann

Als Erstes legt er ein Feuerzeug auf den Tisch. Bora Bora steht drauf, er hat es sich von der Südseeinsel mitgebracht. Holtzmann: "Das Paradies schlechthin." Er muss es wissen, er kennt die Welt, denn er ist - zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Gustl Halenke - ein leidenschaftlich Reisender. Ein Welterkunder, der in den Tauchgewässern dieser Erde so gut beheimatet ist wie in den Bergen Tibets oder den abgelegensten Winkeln Indiens.

Dass das alles etwas mit seiner Arbeit zu tun haben könnte, glaubt er nicht: "Das bedingt sich überhaupt nicht. Ich bin schon in eine reisefreudige Familie hineingeboren. Ich bin damit groß geworden, dass alle Leute immer weg waren. Es lässt sich schwer feststellen, ob man den Hamlet besser spielt, weil man die Fidschi-Inseln gesehen hat."

Wo er sich besser auskennt - in den Ländern und Völkern der Welt oder in den Köpfen und Seelen der Figuren, eines Malvolio oder Antonio, Prospero oder Gloucester? Holtzmann: "Das weiß ich nicht. In den Köpfen von Shakespeare kennen sich jedenfalls mehrere aus. In der Welt aber gibt es höchstens noch einige wenige Auslandskorrespondenten des Fernsehens, die sie so gut kennen wie ich."

"Wie nachlässig heute Theater gespielt wird", heißt es in "Der Schein trügt" von Thomas Bernhard. Und: Das Theater sei "eine Schandgrube". Sätze, die Thomas Holtzmann in der Rolle des alten Schauspielers Robert zu sagen hatte. Ob das denn auf das heutige Theater zutrifft? Der Schauspieler, fast triumphierend: "Das war‘s immer. Das ist so, und das bleibt so. Und die Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Die Ausnahmen sind der Erfolg. Natürlich, diese Ausnahmen gibt‘s auch heute. Überall. Ich habe mir neulich in Berlin die ,Odyssee’ von diesem Thalheimer angesehen. Hervorragend. Die Leute fragten mich hinterher, ängstlich, wie ich denn diese nach ihrer Meinung sehr moderne Inszenierung gefunden habe. Was heißt modern? Es gibt nur gut oder schlecht. Wenn es schlecht ist, ist es überall die gleiche Scheiße; ist es gut, ist es überall gut. Ich muss lachen, wenn ich ,moderne Inszenierung’ höre. Wir haben am Theater schon so viele Revolutionen hinter uns gebracht, dass man nur noch gelangweilt abwinken kann. Übrig bleibt immer nur: gut oder schlecht."

Diese Lässigkeit, mit der Holtzmann im Sessel sitzt, mit der er, sich der Provokation durchaus bewusst, genießerisch raucht, mit der er darüber spricht, was er erreicht hat in seinem Beruf, was nicht! Hat er denn nicht alles erreicht? "Ich weiß es nicht. Ich ärgere mich manchmal, so wenig gefilmt zu haben. Aber wenn man im Theater so first class begehrt war wie ich, dann denkt man nicht daran. Ich hätte wirklich die Chance gehabt im internationalen Film. Ich habe ja auch international gedreht. Aber ich fühlte mich da nicht wohl." Nein, er sei darüber nicht traurig. "Aber manchmal denkt man sich doch: Verdammte Scheiße, was den Bekanntheitsgrad angeht, ist‘s doch Sense, wenn man altersmäßig über das Theaterspielen hinaus ist. Wer kennt mich heute außer in München oder vielleicht noch Berlin? Das ist es, was man sich zum Schluss sagt: Wofür?"

Das konstatiert Holtzmann ganz unsentimental, ohne Trauer, ohne Zorn. Es gab ja in seiner glänzenden Karriere keine Niederlagen. Er nennt es Glück, dass "ich immer mit den allerbesten Leuten gearbeitet habe. Es gibt keinen der großen Regisseure, mit dem ich nicht zusammengekommen wäre. Es gab für mich nie eine Flaute." Ob dieser permanente Erfolg auch denkbar gewesen wäre, wenn seine Frau nicht ihre eigene künstlerische Laufbahn hintangestellt hätte, kann Thomas Holtzmann nicht beantworten. "Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn... Ich kann‘s mir aber vorstellen. Sie hat mich immer gehalten und behütet."

"Vielleicht ist es überhaupt das Geheimnis des Erfolgs, dass einem das alles unbewusst ist."

Thomas Holtzmann

Seit 1956 ist das Paar Halenke-Holtzmann verheiratet. In der Theaterbranche eher eine Seltenheit. Gibt‘s ein Rezept für so viel Haltbarkeit? Holtzmann: "Na ja, da muss man doch sehr am gleichen Strang ziehen. Zum Beispiel was die Kunst betrifft. Und das Reisen in fremde, ferne Länder." Und vermutlich ist sie seine wichtigste, vielleicht sogar auch einzige Kritikerin?

"Aber ja doch. Sie sagt, was nicht gut war, mehr als alle anderen. Das sagt mir ja sonst kein Mensch mehr. Wenn ich ehrlich bin, will ich es auch nicht hören. Ich bin dann natürlich beleidigt. Doch vielleicht wäre es ganz gut, wenn mir jemand noch etwas sagen würde..." Und nach einer längeren Pause, ein paar Zigarettenzüge später, mit denen er für einen Moment das süße Gift der Melancholie mitinhaliert, sagt er: "Aber ich hab‘s überstanden. Ich bin aus allem raus. Das ist manchmal schön, manchmal mehr als bescheiden. Alter ist beschissen. Es gibt keine Schönrederei dafür."

Dem nachgeben, das ist nur ein Augenblick. Thomas Holtzmann ist schließlich kein alter Mann. Zur Zeit dieses Gesprächs ist er eigentlich schon auf dem Sprung. Seinen Geburtstag verlebt er nicht in München. Eine kleinere Reise nur, nach Indien, das er wie seine Hosentasche kenne.

Es ist bemerkenswert, wie wenig Thomas Holtzmann über die Bühnenfiguren spricht, die entweder ihn oder die er berühmt gemacht hat. Wie wenig darüber, dass er, dieser attraktive Mann, schauspielerisch Epochales geleistet hat. Dass ganze Generationen geprägt wurden durch seine Darstellung der klassischen Jünglinge und Helden von Shakespeare bis Kleist und sein Spiel der gebrochenen, modernen Typen des 20. Jahrhunderts. Die einzige Rolle, über die Holtzmann spricht, ist ausgerechnet keine Hauptrolle: der Roller in Schillers "Räubern". Bei Fritz Kortner in Berlin hat er ihn gespielt. Karl und Franz Moor waren nämlich schon mit den damaligen Berliner Stars besetzt. "Aber Kortner hat mir einen Auftritt inszeniert, wie ich ihn nie wieder hatte. Ungeheuerlich. Er war der einzige, der einem die Sterne vom Himmel geholt hat."

Das hätte wohl auch gerne manche Frau für Thomas Holtzmann getan. Denn wo immer er auftrat, lagen sie ihm zu Füßen, herrschte Holtzmann-Fieber. Wie man damit umgeht? Da ist es wieder, das berühmte Holtzmannsche Understatement: "Das hat sich mir gar nicht abgebildet. Wirklich, ich habe es nicht erlebt. Ich habe mich immer nur gewundert, wenn ich in den Zeitungen davon gelesen habe. Es war mir nicht bewusst. Ich hatte auch keine Not. Vielleicht ist es überhaupt das Geheimnis des Erfolgs, dass einem das alles unbewusst ist."

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