Paradiesisches Paar

- Achtung, Geschädigte in Sachen "Entführung aus dem Serail": Es gibt ihn doch noch, den Bassa Selim - er darf sogar sprechen. Und es geht ohne Computer-gestütztes Seminar à` la Bayerische Staatsoper, auch ohne Verhäckselung der Handlung wie in Salzburg. Was nicht heißt, dass man Mozarts Meisterwerk anspruchslos inszenieren muss.

<P>Verena von Kerssenbrock hat's beim Festival auf Gut Immling bei Bad Endorf bewiesen, hat sich dafür auch eine klare, einfache, wirkungsvoll beleuchtete Ausstattung ausgedacht: ein großes, teilbares Dreieck, dahinter ein ebensolches auf der Spitze, das alles ist ideal bespielbar, lässt an Pyramiden oder an den Davidstern denken. Und ist eine Bloßstellung manch krampfiger Bühnenvermüllung an anderen Häusern.</P><P>Imponierend durch Witz</P><P><BR>Dass diese Inszenierung Mozarts Singspiel nicht auf Putzigkeiten verkleinerte, hat ein, zwei Premierengäste irritiert: Buhs im Schlussjubel - (noch) eine Immlinger Ausnahme. Verena von Kerssenbrock rollt die Handlung der "Entführung" leicht nachvollziehbar und mit präziser Personenführung auf, spannt zugleich einen Bogen von einem paradiesischen Paar, das während der Ouvertüre stumm auftritt, bis zum west-östlichen, weltpolitischen Dilemma, vom gestörten Miteinander der Figuren also zum christlich-muslimischen Konflikt. Dafür hat sie die Dialoge intelligent gekürzt und dezent verneudeutscht, der Bassa darf im Gegenzug Gedichte des islamischen Mystikers Dschalaluddin Rumis (1207-1273) rezitieren.</P><P><BR>Das alles liegt bei Mozarts "Türkenoper" wohl nahe, birgt aber die Gefahr des Überambitionierten. Auch des platten Symbolismus' oder des falschen Zungenschlags: "Von Extremisten gekidnappt" wurden Konstanze, Blonde und Pedrillo, wie es hier heißt, später marschieren Araber mit Maschinengewehren auf, Schrumpfköpfe von Diktatoren werden gezeigt - ein bisschen weniger Aktualität hätt' schon sein dürfen.</P><P>Und etwas mehr Vertrauen in die Arien, die zuweilen durch Generalpausen, auch durch eingeschobene Texte oder kurze Szenen unterbrochen wurden: die Musik als Material, ein brandgefährlicher Kunstgriff, der ein bisserl wie von Regie-Guru Peter Konwitschny abgekupfert wirkt.</P><P>Dennoch: Die Aufführung imponiert durch starke Bilder, durch ihr ungekünsteltes Naturell, auch, vielleicht das Schwerste, durch Witz. Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock, Schwester der Regisseurin, steuerte dazu eine hochtourige Interpretation bei. Flott und wendig, mit souveräner Akkuratesse musizierte das Karlsbader Sinfonieorchester. Dass manches flüchtig, ohne rechten Biss herüberkam, ist wohl Phänomen der Akustik. Welche genaue, intensive Gestaltung möglich war, zeigte sich vor allem in Konstanzes "Traurigkeits-Arie". Mi-Seon Kim hatte sich hier freigesungen, meisterte auch die "Martern-Arie" mit gut kalkulierter Dramatik, die etwas enge Höhe mag am Premierenfieber gelegen haben.</P><P>Yun Hwan Cho (Belmonte) präsentierte sich als klug phrasierender Mozart-Tenor, der Erwartungen weckte. Jacek Janiszewski, dieser junge Osmin, neigte zum überdrehten Spiel, war dann am besten und konnte die meisten Nuancierungen bringen, wenn er seinen Bass reduzierte. Den stärksten Eindruck hinterließen Blonde und Pedrillo: Lesia Mackowycz agierte herrlich komisch, verfügte überdies über einen enorm höhensicheren Sopran, den sie wie ein scharfes Schwert gegen Unbill einsetzen konnte. Mathias Vidal war mit unverbrauchtem Tenor und quirligem Charme Sympathieträger des Abends.</P><P>Der Bassa als mögliche Liebes-Alternative für Konstanze: Rolf Schwab verdeutlichte das - ein Aspekt dieser Oper, den mancher Regisseur außerhalb Immlings allzu gern übersieht . </P><P>Aufführungen noch am 9. und 10. Juli (Tel. 0180/ 5046654).</P>

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