Parasiten des Lebens

- Eine Frau wird von ihrem Mann verlassen. Das kommt vor. Ihr bleiben die gemeinsamen Kinder, die Wohnung und ein paar laufende Kredite. Auch das kommt vor. Der Schwiegervater nimmt sie und die beiden Mädchen mit in sein Haus auf dem Land. Er kauft ein, kocht, geht mit seinen Enkelinnen zu McDonald's, schenkt ihnen Turnschuhe mit Glitzer-Aufschrift "You're a Barbie girl!". Auch das kann vorkommen. Vielleicht etwas seltener.

<P>Die Frau sitzt am Küchentisch, heult Rotz und Wasser. Sie stellt sich viele Fragen. Manche hundert Mal: Wie lange dauert es, bis man den Geruch desjenigen vergisst, der einen geliebt hat? Wann hört man selbst auf zu lieben? Habe ich das Recht, mich geirrt zu haben? Meinen Kinder, was kann ich ihnen bieten? Eine verkehrte Welt? Fragen, die vorkommen.<BR><BR>Letzte Bekenntnisse und fromme Lügen</P><P>Anna Gavalda hat einen Roman geschrieben. Das war zu erwarten. Nach ihrem ersten Erzählband "Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet" war klar, dass diese junge Frau nicht aufhören würde, die Geschichten zu notieren, die das Leben ihr zuspielt. Ihr Roman trägt alle Kennzeichen einer kurzen Erzählung. Seine hochbewusste Form entspringt dem Schädelvorderschiff einer Autorin, die mit charakteristischem Geschick ihre Figuren innerhalb kürzester Erzählzeit an einen Abgrund manövriert. Dort können sie gar nicht anders, als aus Angst vor dem drohenden Sturz in die Tiefe sich noch schnell ein paar letzter Bekenntnisse, frommer Lügen und geheimer Wünsche zu entledigen. Splitter, Fetzen, Dahingesagtes.<BR><BR>Die knappe Form entspricht dem Schrecken der Zeitlichkeit. Die losen Strippen der Erinnerungen sind nichts anderes als ein hastiges Vermächtnis angesichts der eigenen Banalität. "Ach, Pierre - was ist das Leben für ein Schlamassel." Dem lässt sich wenig entgegenhalten. Außer: dass die kurzen Geschichten, die dieser Roman erzählt, den gröbsten gesammelten Schlamassel unseres täglichen Lebens für zwei Stunden etwas erträglicher machen.<BR><BR>Dafür danken wir Chloé´, die von Adrien verlassen wurde. Pierre, dem Schwiegervater, der sich selbst "einen Kotzbrocken" schimpft, um sich auf Abstand zu bringen zu seinen Nostalgien. Franç¸oise, seiner Sekretärin, die Krebs hat und eine schief sitzende Perücke. Mathilde, die Dolmetscherin, die im karierten Faltenrock Pierre den Kopf verdreht. So sehr, dass er sie später "die Liebe meines Lebens" nennen wird. Und den Mädchen Lucie und Marion, die tun, was Kinder eben so tun: Hunger haben, frieren, nicht schlafen können, sich verkleiden und Märchen von verschwunden Lutschern erzählen.<BR><BR>Das alles ist von so himmelschreiender Alltäglichkeit, dass man versucht ist, eine Poetik des Banalen zu formulieren. Sie könnte lauten: Menschen sammeln, das Theater ihres Alltags beobachten, alle Details registrieren, ihre Rede in einen zur gedrängten Kurzform neigenden Stil bringen, ihre Mündlichkeit frisch halten. Eben erst hat ihre deutsche Kollegin im Geiste, Judith Hermann, erleben müssen, was passiert, wenn die ersten Literaturkritiker dieses Landes ihr Deutungsmandat ergreifen und sich mit ernster Miene über das Zweit-Buch einer Autorin beugen, deren gefeiertes Debüt einen prägnanten Fußabdruck in der Literatur-Landschaft hinterlassen hat. Die Gattungsgefahren wurden sondiert. Die Schönheit vom Kitsch unterschieden. Die Naivität von der Trivialität. Die kraftvolle Auftrittsgeste von der fließenden Fortsetzungsenergie.<BR><BR>Die Geschichten, die Anna Gavalda und Judith Hermann erzählen, sind das, was sie sind: Parasiten des Lebens. Intelligente, bewusste Unterhaltungsliteratur mit der Erfahrungssättigung, die von 33-Jährigen zu erwarten ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Auf unseren Bestellzettel für den nächsten Literaturherbst schreiben wir: Anna Gavalda, "Das Stück". Denn kurioserweise überzeugt die Autorin in ihrem epischen Klein-Format vor allem durch ihr dramatisches Empfinden.</P><P>Anna Gavalda: "Ich habe sie geliebt." <BR>Aus dem Französischen von Ina Kronenberger. Carl Hanser Verlag, München. 168 Seiten, 15.90 Euro</P><P><BR> </P>

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