Parfümfreie Größe

- Die Mittelteile seiner Nocturnes verstand Frédéric Chopin als Kontrastprogramm. Als Widerpart zur melancholischen Innenschau der "Rahmenhandlung". Man könnte hier also zupacken, auftrumpfen, vielleicht sogar donnern. Doch wenn Maurizio Pollini diese Kleinodien spielt, dann spreizt sich die Ausdrucksamplitude gar nicht so weit. Nicht dass er etwas verharmlosen würde: Pollinis Kunst, wie bei seinem großartigen Abend im Münchner Herkulessaal zu erleben war, ist subtiler. Pathosarm, parfümfrei, nie gefühlig und doch so fesselnd, dass man nach zwei Stunden fast überrascht ins Diesseits zurückgeholt wurde.

Die kühle Schlichtheit der Nocturne op. 15 Nr. 1, der nachdenkliche, eher Fragen stellende als mit Antworten überrumpelnde Gestus von Nr. 3, die stille Größe von op. 48 Nr. 1: All das zeugte von der tiefen Empfindsamkeit, auch vom gestalterischen Geschmack des Pianisten. Selbst die als Intermezzi gedachten Werke wie die As-Dur-Ballade Nr. 3 op. 47 oder das h-moll-Scherzo op. 20 Nr. 1 verstand Pollini als intime Virtuosität, in der Läufe und Akkordbrechungen scheinbar beiläufig passierten.

Mitten ins Herz getroffen

Dass der zweite Teil noch faszinierender gelang, lag am Programm. Und wer befürchtete, nur Chopin, das könne doch in eine Monokultur ausarten, sah sich bald vom Gegenteil überzeugt. Pollini spielte nach der Pause die späteren Nocturnes op. 55 und 62. Am schönsten vielleicht das Andante von op. 55: wie aus einer nachdenklichen Haltung heraus, die sich immer wieder vergeblich zur Gewissheit verdichten wollte.

Als Abschluss die b-moll-Sonate mit dem berühmten "Marcia funè`bre". Die fast flüchtige Rasanz des Kopfsatzes, das eigentümlich taumelnde Scherzo, der eindringlich gesteigerte, nie larmoyante Trauermarsch, schließlich das allen metrischen und satztechnischen Beschränkungen enthobene Finale: Eine Zusammenfassung von Pollinis Haltung zu Chopin war diese Wiedergabe - die die Zuhörer im überfüllten Saal offenbar mitten ins Herz traf: Jubel, Trampeln, was der bescheidene Star reichlich mit Zugaben belohnte.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare