Christian Thielemann
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„Titel sind wirklich zweitrangig“: Christian Thielemann, bis Ende 2020 Musikdirektor in Bayreuth.

Konzertante Aufführung bei den Festspielen

„Parsifal“ mit Christian Thielemann in Bayreuth: Eine Liebeserklärung

  • Markus Thiel
    VonMarkus Thiel
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Nur einmal stieg Christian Thielemann heuer in den Bayreuther Graben. Der „Parsifal“ des Ex-Musikdirektors klingt nach dem Motto „Denen zeigen wir‘s“.

Eine Viertelstunde geht das nun schon so. Jubel, Trampeln, rhythmisches Klatschen. Und wenn der Mann erneut und allein vor den Vorhang tritt, verliert auch der letzte Wohlerzogene die Contenance. Das ist kein Beifall mehr, das ist eine Liebeserklärung. Wie es eben so klingt, wenn die Bayreuther Festspiele auf Thielemann-Diät gesetzt sind und der Wagner-Zampano unserer Zeit heuer nur zu einem einzigen Termin in den Graben hinabsteigt.

Auch am Grünen Hügel ist Christian Thielemann – wie demnächst als Ex-Chef der Staatskapelle Dresden und der Salzburger Osterfestspiele – ein Titelbefreiter. 2015 wurde er an seinem Lieblingsdirigierort zum Musikdirektor und tat danach eigentlich nicht mehr als sonst: dirigieren und ein paar (wie mancher sagte: ungebetene) Ratschläge geben. Ende 2020 lief der Vertrag klanglos aus. Die Wiederaufnahme des „Lohengrin“ mit ihm wurde auf 2022 verschoben, 2023 steht Thielemann nicht wie geplant bei der „Parsifal“-Neuinszenierung am Pult. Also bleibt es im aktuellen Sommer nur bei einem konzertanten „Parsifal“.

Alles nicht so schlimm, wiegelt der Potsdamer ab. Und die Begründungen dafür richtet der 62-Jährige nicht nur an die Medien, sondern, zur Ego-Beruhigung, unter Garantie auch an sich selbst. „Ich fand es richtig, dass man sagt: Persönliche Befindlichkeiten sind nicht wichtig, wir müssen sehen, dass der Betrieb wieder in Gang kommt.“ Das ist einer dieser Sätze. Ein anderer: „Positionen, Titel und Bezeichnungen sind aktuell wirklich zweitrangig.“

Das Orchester ist wie Wachs

Schließlich ist da der Verdacht: Ohne Verwaltungs- und Organisationspflichten, ohne die Möglichkeit, mit irgendwelchen Administrationen über Kreuz oder im Streit zu liegen, könnte Thielemann besser denn je sein. In Bayreuth hört sich das gerade so an. Aus jeder Sechzehntel des „Parsifal“ klingt ein „Denen zeigen wir’s“. Das Orchester ist wie Wachs. Nur zwei Tage konnte geprobt werden, man hört es an zwei, drei Stellen. Ansonsten ist großes, demonstratives Einverständnis spürbar. Die Konzentration ist immens, die Intensität fast durchwegs auch.

Viele Musikerinnen und Musiker kommen ohnehin nur hierher, um unter diesem Mann zu spielen und mit ihm abzuheben, Letzteres passiert an diesem Abend ein paar Mal. Im Publikum eine ähnliche Haltung. Christian Thielemann ist nicht nur Garant für Kompetenz, sondern (neben dem Familiennamen Wagner) das letzte Relikt aus guter alter Bayreuth-Zeit. Die personifizierte Tradition, Fels und für viele Orthodoxe auch Rettungsanker in Umbruchzeiten.

Wieder, wie schon früher bei Thielemann, ist der erste Aufzug keine Weihefeier, sondern zügig, sehr am Konversationston orientiert. Die Formung der Details, die Tempo- und Klang-Architektur, die kostbaren Naturschilderungen, die lustvollen Vorbereitungen der Höhepunkte, all das kann süchtig machen. Im zweiten Akt ist das so gut wie weg. Zentnerschwer legt sich eine Fehlbesetzung auf die 60 Minuten. Petra Lang als Kundry, das ist für die Festspiele indiskutabel. Auch Tenor-Recke Stephen Gould läuft in der Titelrolle nun fast auf Autopilot, stellt hie und da einen seiner ergrauten Spitzentöne in den Raum.

Momente für die Bayreuth-Annalen

Derek Welton als Klingsor hat da ein leichtes Spiel. Erst recht aber, in den Eck-Aufzügen, die Dominatoren der Bühne. Georg Zeppenfeld steht anfangs leicht auf der Bremse, spart für den strapaziösen Schlussakt. Aber Prägnanz, Textbewusstsein, Phrasenformung, das Eichenborkentimbre, das gestische, kluge Singen, all das macht seinen Gurnemanz derzeit konkurrenzlos. Michael Volle gestaltet einen spektakulär guten Amfortas. Die letzten 15 Minuten, wenn er allein auf der Bühne ist und die Leiden des Gralskönigs mit heldenbaritonaler Energie einem fast körperlich nahebringt, sind Momente für die Bayreuth-Annalen.

Ein paar Stühle und wenige Projektionen auf dunkler Bühne, mehr gibt es nicht. Das Orchester spielt auf höchstem Niveau und verdeckt im Graben – aus akustischen Gründen die richtige Lösung. Die aus einem Nebengebäude zugespielten Chöre tönen allerdings viel zu direkt. Wagner verfolgte mit seinem fürs Festspielhaus konzipierten „Parsifal“ schließlich eine tönende Architektur mit gestaffelten Chören aus der Oberbühne. Alles weg an diesem Abend, alles entzaubert. Und Christian Thielemann? Gibt den von Chefzwängen erlösten Entfesselungskünstler. Der Terminkalender fülle sich schon bis 2027. „Das klingt verrückt – aber so wird in diesem Gewerbe geplant.“

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