Ein Parsifal seiner späten Jahre

- "Ich habe gelebt, als ob mein Tag noch kommen würde. Aber, die Wahrheit zu sagen, er war schon vorüber, als ich geboren wurde." Das neue Buch von Botho Strauß (59) - ab sofort in den Buchhandlungen zu haben - ist eine Sammlung solcher und ähnlicher Selbstaussagen. Maximen und Reflexionen. Befragungen, Untersuchungen, Behauptungen. Dialektische Geistesblitze ebenso wie naiv anmutende Bekenntnisse.

<P>Schlaglichter eines ganz und gar Unzeitgemäßen auf unsere Zeit, auf die er stolz, um nicht zu sagen überheblich, und provozierend herunterblickt. <P>Der Titel aber suggeriert anderes: "Der Untenstehende auf Zehenspitzen". Als einen solchen sieht er sich - kokett und demütig zugleich; als einen, "der über Mauern in fremde Gärten späht, der nur auf Umwegen und Randpfaden sich fortbewegen kann". Wobei Strauß hiermit Anleihe nimmt bei einer von ihm hoch verehrten Schriftstellerin: Simone Weil, die literarisch für sich entschieden hatte, "den Standpunkt der Untenstehenden einzunehmen". <P>"Mach dich nicht lächerlich. Sprich nicht so vollmundig mit dir selbst", heißt es an einer Stelle bei Botho Strauß. Mit dieser Selbstermahnung nimmt er jede Kritik, die ihm seinen vielfach geschwollenen Ton vorwerfen wollte, vorweg. Alles, was man aufgrund dieses Buches gegen "Auch schien mir ein rücktönendes Deutsch ertragreicher als ein neutönendes; eine Frage des Artenreichtums." Botho Strauß ihn in die Waagschale zu werfen beabsichtigte - seine Rückwärtsgewandtheit, seine Bildungsprotzerei, sein soziales Desinteresse - bringt er mit souveräner Ironie selbst aufs Tapet. Und macht daher hellhörig für die Feinheiten seiner Sprache, die Differenziertheit seines Blicks, den Witz seiner Verzweiflung. <P>Dies ist ein Selbstauskunftsbuch des Botho Strauß. Verkappt Autobiografisches, häppchenweise und zersplittert. Sich seines Rufs, ein Reaktionär zu sein, bewusst, wendet er dialektisch versiert das ihm von der bürgerlichen Linken angeheftete Etikett so, dass die Begriffe vielleicht doch inhaltlich neu zu besetzen wären. "Der Reaktionär ist der letzte Phantast in einer nahezu kompletten Fantasy-Welt", schreibt Strauß. Und er fragt sich: "Ob es in der Literaturgeschichte ewig die gleiche falsche Seite gibt? In einer Demokratie wird man einen rechtsstehenden Autor immer verleumden oder sogar geistig vernichten." Aber nie will er die "politische Rechte" meinen, die er "verabscheut", sondern: "Alles Rechte hat seinen Ursprung im Unpolitischen." <P>Widerspruch pur. Dialektik im Quadrat. Denn diese Aussage des Botho Strauß macht ja gerade sein Buch, sein Werk, den ganzen Mann zu einem hochgradigen Politikum. Um mit Dichteraugen auf die Welt zu schauen, muss er sich von ihr fern halten, muss er sich dem Hohn der SchnellfertigistdasWort-Anhänger aussetzen, muss er sich hundertprozentiger Keuschheit nähern: "Man muß gleichsam ein Parsifal seiner späten Jahre werden, der aus erworbenem Ignoriervermögen ein Bewußtsein, das ihm von allen Seiten souffliert wird, abzuwehren versteht: ich will es nicht wissen." <P>Der Mehrwert des Buches, das nur auf den ersten Seiten Gefahr läuft, als besinnliche Bettlektüre unterschätzt zu werden, liegt darin, dass es die Auseinandersetzung mit den vielfach zu Thesen geronnenen Sentenzen herausfordert. Dazwischen aber, zwischen oft lächerlich Erhabenem und satyrhaft Boshaftem, schwingt resignative Trauer. Trauer über den Verlust des Erinnerns, das Analphabetentum im Lesen von Physiognomien, den Tod des Buchhändlers Brockmann vom Bahnhof Zoo. Über das langsam verlöschende Bild der einstigen Gefährtin Billie, die als einzige Figur sich wie ein roter Faden durchs Buch zieht. Und Trauer auch über das Eindringen der rohen Wirklichkeit in das heile Kinderleben des Sohnes. <P>Wehmut ergreift den mutig "altmodisch" fühlenden Schriftsteller beim Gedanken an eine enterotisierte Welt: "Der heilige Sexus erlosch in unserem Blut, er malte noch ein paar Jahrhunderte seine ,Zeichen` in den Staub der Kunst. Aber dann gab man sich mit einem Ersatz-Verfahren zufrieden, das im Ungenügen allgemein genügt, dem Sex." Und Botho Strauß, dieser brillante Spötter, nutzt dieses Aperçu dazu, seinem Verlag witzig, aber unverhohlen zu sagen, was er von anderen, literarisch hochkarätigen, amerikanischen Autoren dieses Hauses hält, deren bestsellerträchtig aufbereitetes Alterssex-Dasein er als "Geschwätz" bloßstellt. <P>"Ein Autor kommuniziert nicht mit seinem Leser. Er sucht ihn zu verführen, zu amüsieren, zu provozieren, zu beleben." Botho Strauß <P>Begleitet wird das insgesamt fein gesponnene Klagelied von einer Sehnsuchtsmelodie in nationalem Moll. Sirenengleicher Gesang über ein immerwährend verborgenes "Geheimes Deutschland" eines Stefan George, das "nur findet, wer den Weg in die dichterische Emigration antritt. Zu jeder Zeit, unter jedem Regime." <P>Was bei aller verzweifelten Gestrigkeit des Autors dieses Buch dennoch sympathisch macht, was einen dazu treibt, es zu Ende zu lesen und sich einfangen zu lassen von seiner weltfremden Moral, ist Strauß` geistreicher Zweifel auch am eigenen, schriftstellerischen Tun: "Ich weigere mich, dies Zimmer noch einmal zu betreten, in dem ich, von Bekenntniseifer blind, drei Jahre lebte. In dem ich auf eine besonders unentschuldbare Weise war und nicht war: Hier saß ich, auf eine bessere Welt versessen - und habe mir das Zimmer für alle Zeit verdorben . . ., ich habe es verraten, als ich versuchte, ausgerechnet von hier aus in den globalen Mantel zu schlüpfen . . . Mir scheint, es ist die abgezogene Haut von diesem Ungetüm der besseren Welt." <P>Leicht ließe sich der Uckermärker als Denker nach Junkerart disqualifizieren oder im Trommelfeuer eines oberflächlichen Spotts erledigen. Doch wer diese scheinbar schwerelos schwebende, heiter distanzierte Prosa genau liest, wer bereit ist, sich auf sie einzulassen, der nimmt die Provokation des hoffnungslosen Weltverbesserers an. Und zollt Respekt seiner imponierenden Aufrichtigkeit, die ihn hier zum Narren von shakespeareschem Ausmaß werden lässt. <P><P>Botho Strauß: "Der Untenstehende auf Zehenspitzen". <BR>Hanser Verlag, München<BR>169 Seiten, 16,90 Euro. <P><P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Der Untenstehende auf Zehenspitzen </P></P>

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