Tod des Partisans

- Wenn ein Mann auf dem Sterbebett sein Leben erzählt, ist es dann gewiss, dass er die Wahrheit spricht? Und was wird der Schriftsteller mit diesen Worten anfangen? Wird er den späten Heldentod des Alten in seiner Nacherzählung zulassen? "Gehören die Dinge dem, der sie sagt, oder dem, der sie niederschreibt?", fragt Antonio Tabucchi. In seinem Roman "Tristano stirbt" lässt er mit der Bestimmtheit der Behauptungen stets auch die begleitenden Zweifel wachsen.

Es beginnt bei der nebulösen Erzählperspektive: Ist dies bereits die Sicht des Autors auf den Lebensmonolog des Alten? Ist es der ehemalige Partisan namens Tristano selbst, der hier in der dritten Person von sich berichtet? Oder ist es nur ein kranker Mann, dem das Morphium die Halluzinationen aus dem Kopf treibt? Sich auf dieses Rätsel einzulassen, lohnt sich.

Man kann "Tristano stirbt" als das große Finale der bisherigen Werke Tabucchis beschreiben: die Darstellung der Paradoxie des Krieges, welche ihre Fortführung überraschend in aktueller Medienkritik findet; die Episoden der großen romantischen Liebe(n), die sich immer wieder ins Zentrum der Erzählungen schieben; die Zeit, die alles diktiert und schließlich relativiert; die Träume, Traumata und "Träume von Träumen", die in mächtigen Textcollagen surreale Bilderwelten entstehen lassen. "Der Traum reicht viel weiter, er ist eine Prothese, er bricht aus dem Gefängnis der Existenz aus."

All diese Motive vereint der Pisaner Prosa-Poet in seinem neuen Roman; sie schweben in inniger Ungewissheit zwischen Spannung und Elegie. Dabei findet Tristanos Geschichte zwischen Zufall und Schuld, die sich im Wesentlichen in Griechenland abspielt, ihren vollkommenen Rahmen im lang wallenden Stil Tabucchis - Dichtung wie aus tragischer Antike.

Über allem steht die Frage nach der Freiheit: Tristano sucht die Antwort vergebens in seinem selbst- und letztlich sinnlosen Vaterlandskampf. Er findet sie schließlich, sehr viel später, im postum geschriebenen Nachruhm: "Du hast für die Freiheit gekämpft, und jetzt haben wir sie erreicht, sie besteht darin, vom Denken befreit zu sein, darin, nicht mehr zu denken - die wahre Freiheit besteht darin, gedacht zu werden." "Tristano stirbt" ist nicht die erste schriftstellerische Selbstreflexion Tabucchis. Wohl aber die direkteste. "Die Dinge werden wahr, wenn man sie niederschreibt."

Antonio Tabucchi: "Tristano stirbt". Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Carl Hanser Verlag, München, 232 Seiten; 19,90 Euro.

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