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Igor Levits Interpretation: Es gibt Momente, für die man die Doppel-CD immer wieder hören möchte.

Wundermann der Klavierszene

Partiten von Bach: Huldigung an den „Chef“

München - Aufsehen erregend: Der neue Wundermann der Klavierszene, Igor Levit, hat Partiten von Johann Sebastian Bach auf CD eingespielt.

Es nicht so, dass er nur spielt. Igor Levit redet auch gern, manchmal mitten im Konzert. So wie vor einigen Monaten bei einem privaten Abend in Dresden, in einem schicken Haus unweit der Elbe, als er die kleinen Einführungen selbst übernahm. Oder kürzlich in Rottach-Egern, als er vor der Zugabe dem Publikum minutenlang erklärte, warum ihm gerade diese Sarabande so am Herzen liege. Thema war dabei stets einer: Bach. Der Chef, wie manche Musiker sagen. Levit drückt es anders aus – der Größte, Wichtigste von allen, das Zentralgestirn.

Dass sich der neue Wundermann der Klavierszene nun dem göttlichen Sachsen auf CD zuwendet, ist also eines nicht: eine Überraschung. Alle sechs Partiten auf der zweiten Silberscheiben-Veröffentlichung, dies nach seinem Debüt mit Beethovens letzten Sonaten, das ist allerdings sportlich, mutig, verwegen – oder eine Ansage. Und es ist amüsant zu lesen, welche Stichworte gleich in die Debatte geworfen werden: Perahia! Barenboim! Schnabel! Und, ja natürlich: Gould! Noch amüsanter ist es aber, dass Levit nichts von ihnen hat. Oder  eben  von jedem ein  bisschen.  Etwas,  was er zur   Vervollkommnung seiner Musikerpersönlichkeit braucht, um nicht gleich als klingendes Kunstgeschöpf des Marktes dazustehen, als Elisabeth Schwarzkopf der Klavierszene gewissermaßen.

Wer Levits Bach hört, der vernimmt einen Suchenden. Ohnehin gibt es widerstreitende Einflüsse in seiner Biografie. Geboren 1987 im russischen Nischni Nowgorod, Klavierunterricht mit drei Jahren, 1995 Emigration mit der jüdischen Familie nach Deutschland, Studium in Hannover und Salzburg; dann der plötzliche Ruhm mit Konzerten – und, am augenfälligsten, das Abspecken von 32 Kilo innerhalb von eineinhalb Jahren. Levits CD-Karriere ist bislang vergleichsweise kurz, umso Aufsehen erregender ist auch diese Veröffentlichung.

Was an Levits Partiten-Deutung sofort deutlich wird, ist sein Respekt, auch seine Unabhängigkeit von Moden und Zeitgeistern. Es gibt Passagen, da wagt er sich fast gar nicht aus der Deckung. Da lässt er vor lauter Ehrfurcht die Struktur der Tanzsätze fast für sich allein sprechen. Und dann ereignen sich wiederum Momente, für die man diese Doppel-CD immer wieder hören möchte und muss. Es sind Passagen des Understatements, der fast verborgenen Raffinesse, der nachdenklichen Subtilität.

Man nehme nur die Partita Nummer drei. Wie sich Levit in der Allemande aus einem verspielten, nach innen gerichteten Gestus zur Nachdrücklichkeit vortastet, das ist große, uneitle Kunst. Auch die Virtuosität der Courante ist wie mit vorgehaltener Hand erfühlt, so, als wolle Levit seine immensen Fertigkeiten dem Hörer nicht aufdrängen. Es gibt keinen einzigen virtuosen Moment auf den beiden CDs, der äußerlich wirkt, wie das Gegockel eines Tastenmagiers. Levit kann einen schwindlig spielen. Aber dann geschieht das mit einer Selbstverständlichkeit, die immer nur einem dient: Bach – und nicht dem Ego seines Interpreten.

Dazu kommt, dass die langsamen Sätze, von den Tastensängern gern zu Romantizismen genutzt, eher streng klingen, fast karg, aber nie unpersönlich. Die Alte-Musik-Szene, das passiert ja jedem der jüngeren Generation, hat auch hier Spuren hinterlassen. Was dabei entscheidend ist: Igor Levit nutzt zwar die Möglichkeiten, die Dynamik- und Nuancierungsoptionen des modernen Flügels. Aber nie ist dies ein Spiel des „Als ob“, ein Imitieren von orchestralen Farben und Wirkungen, so, wie es etwa Barenboim gern tut.

Wer Igor Levit verfolgt hat, der ahnt, dass dies ein erstes (wenngleich äußerst imponierendes) Bach-Statement ist. Für eine Liebe auf den ersten Blick, für ein plötzliches Entflammen mag diese Interpretation der Partiten nicht geeignet sein, aber für die allmähliche Annäherung, die schrittweise Intensivierung – solche Beziehungen sind unter Umständen viel langlebiger und krisenfester. Auch die zwischen Hörer und Interpret.

Johann Sebastian Bach: Sechs Partiten. Igor Levit(Sony)

Der Pianist gastiert am 16.11. im Münchner Prinzregententheater mit einem Bach-Beethoven-Programm; Telefon 089/ 54 81 81 81.

Markus Thiel

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