Partner des Publikums

- Vor Mariss Jansons und dem Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks liegt die mittlerweile dritte gemeinsame Saison. 33 der insgesamt 74 Konzerte dirigiert der Chef selbst. Geplant ist auch eine umfangreiche Japan-Tournee, überdies scheint das Ensemble für CD-Firmen höchst interessant geworden.

<P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Zu Beginn Ihrer Amtszeit meinten Sie, Sie wollten erst einmal ausprobieren, was man Münchens Konzertgängern bieten kann. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Jansons: Hundertprozentig kann ich das noch nicht sagen. Ein traditionelles Programm ist wie überall kein Problem. Doch sobald etwas Unbekanntes auftaucht, sei es ein Komponist, Solist oder Dirigent, wird es ein bisschen schwierig.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"> </P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Also bleiben Sie vorsichtig?</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Jansons: Das sagt mir mein Gefühl. Rücksichtsloses Experimentieren mag ich nicht. Das geht in der schwierigen Situation auf dem Konzertmarkt gar nicht. Ich möchte, dass die Partnerschaft mit dem Publikum stabilisiert wird. Dass man irgendwann sagt, man geht zum Symphonie-Orchester und zu Jansons, egal, was gespielt wird. Natürlich können wir nicht nur Beethoven oder die "Unvollendete" spielen. Deshalb gibt es immer wieder Ausflüge in Ungewohntes. Was das Image betrifft, nehmen wir im Musikleben dieser Stadt noch nicht den Platz ein, der diesem Orchester zusteht. Ich habe ein Benefizkonzert für Live Music Now dirigiert - und die Münchner Crè`me de la Crè`me saß im Saal. Weil der Termin "dazugehörte". Und so soll es auch mit unseren normalen Konzerten werden.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"> </P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"></P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Liegt's am Marketing?</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Jansons: Das muss besser werden. Aber bis mir das Publikum ganz vertraut, das braucht vielleicht Zeit. Zwei Jahre sind ja eine relativ kurze Zeitspanne.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"> </P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Sie haben hier einen Dreijahresvertrag. Wurde der schon verlängert?</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Jansons: Noch nicht. Es wird aber dazu kommen - hoffe ich jedenfalls (lacht). Ich schließe ja immer nur Dreijahresverträge ab. Bei Erfolg kann man die leicht verlängern - und wenn nicht . . . Wir haben aber eine sehr gute Beziehung zueinander entwickelt.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"> </P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Es fällt auf, dass Sie viele Chorwerke aufführen.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Jansons: Der BR-Chor ist etwas Einmaliges, Wunderbares, so etwas haben viele andere Orchester nicht. Also müssen wir das unbedingt ausnutzen. Außerdem liebe ich diese Musik. Ich selbst war einmal Chordirigent.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"> </P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Dabei handelt es sich meist um geistliche Literatur. Sind Sie gläubig?</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Jansons: Ich glaube an Gott, ja. Aber mit der Programmwahl hat das nicht unbedingt etwas zu tun.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"> </P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Warum wird in der kommenden Spielzeit Mozart in die Reihe des Kammerorchesters verbannt?</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Jansons: Für die Programme anderer Dirigenten bin ich nicht verantwortlich. Aber ich selbst möchte Mozart vor allem in der übernächsten Saison dirigieren und dann mit Schostakowitsch kombinieren.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"> </P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Das Orchester arbeitet verstärkt mit Barock-Experten wie Hengelbrock oder Koopman zusammen. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie sich solche Werke dadurch "wegnehmen" lassen? Warum nicht Bach von Mariss Jansons?</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Jansons: Mit Bach bin ich vorsichtig. Bach ist etwas Heiliges. Ich kann natürlich, rein professionell gesehen, diesen Komponisten dirigieren. Aber dennoch ist es eine ganz spezielle Welt, man muss mit dieser Musik lange zusammenleben, man muss viel lesen, viel hören, nur dann hat es einen Sinn. Dann erst kann ich etwas darüber mitteilen.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"> </P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Ihr Kollege Christian Thielemann meinte einmal, er traut sich gar nicht an eine Matthäus-Passion, weil er sofort dafür geschimpft wird.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Jansons: Da verstehe ich ihn gut. Das liegt an der Mode mit "authentischen" Interpretationen. Aber die Dogmen werden langsam abgeschafft, gottlob. Harnoncourt ist ein wunderbares Beispiel dafür. Wobei ich vor Dogmen keine Angst habe. Mir ist einfach Bach zu wichtig, deshalb dirigiere ich ihn nicht.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"> </P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Wenn Sie lange mit einem Komponisten "leben" müssen: Wie steht's mit Johann Strauß? Sie leiten ja das nächste Wiener Neujahrskonzert.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Jansons: Ich will mit ihm dieses ganze Jahr verbringen. Früher habe ich ihn viel dirigiert. In St. Petersburg ist er sehr populär, mein Vater hat dort immer Neujahrskonzerte gegeben. Wobei es in dieser Auseinandersetzung nicht unbedingt um eine Vertiefung, um Philosophie geht. Man muss vielmehr die Stimmung der Strauß-Musik spüren können.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"> </P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Können Sie eigentlich gut Walzer tanzen?</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Jansons: Nein. Darum muss ich mich vielleicht ein wenig kümmern. Schließlich gibt bei einem Dirigenten auch der Körper die Signale fürs Gehirn.</P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt"> </P><P class=MsoNormal style="MARGIN: 0cm 0cm 0pt">Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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