Party in der Felsenreitschule

Salzburg - Mit Musik die Armut vergessen: Das Simón Bolívar Youth Orchestra aus Venezuela ist derzeit Gast der Salzburger Festspiele - und beschert den größten Publikumserfolg dieses Sommers.

Spätestens im zweiten Satz ist man ratlos. Da setzt der Hornist im Afrolook zum Solo an, und jene Melodie, von einigen als Saccharin-Kitsch geschmäht, erklingt so, wie man sie vielleicht noch nie gehört hat. Butterweich, hauchzart, wie traumverloren an der Pianissimo-Grenze entlanggleitend. Und man fragt sich: Wie geht das? Wie kommen diese Musiker zwischen 12 und 26 Jahren zu solcher Perfektion? Wie überhaupt können sie Tschaikowskys fünfte Symphonie so gestalten, sie instinktiv erfühlen, unbelastet von Aufführungstraditionen oder Schwierigkeitsstufen?

Klar, auf der Bühne der Felsenreitschule sitzt die Elite. Das Flaggschiff der Sistema-Bewegung, eines weltweit einzigartigen Ausbildungsprogramms, das in Venezuela 250 000 Jugendliche zur Musik führt. Nicht unbedingt als nette Nebenbeschäftigung, sondern weil das Orchesterspiel diesen Menschen die einzige Möglichkeit bietet, dem Frust und der Gewalt der Armenviertel zu entfliehen.

75 Prozent der Sistema-Teilnehmer leben unterhalb der Armutsgrenze. Was in einem Staat, der durch Öl reich geworden ist, natürlich befremdet. Aber immerhin zahlt er für seine zahllosen Musikschulen. "Für die Kinder, mit denen wir arbeiten, ist Musik praktisch der einzige Weg zu einer menschenwürdigen gesellschaftlichen Existenz", formuliert es José Antonio Abreu, Mentor und Gründer von Sistema. Kurz vor Beginn des Salzburger Konzerts sitzt der hagere, fast glatzköpfige ältere Herr neben dem Bühneneingang und kann es vielleicht selbst nicht glauben, dass es das Simón Bolívar Youth Orchestra nun ins Mekka der internationalen Klassikszene geschafft hat: Es ist heuer Residenzorchester bei den Salzburger Festspielen. Und verwandelt die Felsenreitschule in eine südamerikanische Enklave: Trampeln, Rufe, Pfiffe, Seidenschals werden in die Luft geworfen und gute Erziehungen vergessen - es ist der größte Erfolg dieses Festivals.

Staunen, egal wo das Ensemble auftritt. Und am meisten staunt man über den berühmtesten Sohn von Sistema, über Gustavo Dudamel. Der Klassikmarkt hat den 27-Jährigen längst zum neuen Dirigentenstar gekürt, demnächst ist das Temperamentsbündel Chef von gleich drei Klangkörpern: vom Bolívar-Orchestra, vom Los Angeles Philharmonic Orchestra und von den Göteborgern Symphonikern.

Wie Dudamel mit Tschaikowskys Fünfter umgeht, stellt Hörgewohnheiten auf die Probe. Verblüffend die Schnellkraft, die Geschlossenheit, mit der die Zweihundertschaft (allein 13 Kontrabässe!) agiert. Aus dem eher weichen, geschmeidigen Klang erheben sich messerscharf profilierte Soli. Und am Ende, wenn das Stück nach Brüten, Sinnieren und melancholischem Aufbäumen endlich den Dur-Durchbruch geschafft hat, peitscht Dudamel seine entfesselten Landsleute in einen rhythmischen Furor, der eher nach Rossini denn nach Hochromantik tönt. Schon hier, vor der Pause, Standing Ovations. Erst recht aber, nachdem diese Überrumpler mit der Symphonischen Suite von Evencio Castellanos (1915-1984) und "Danzón No. 2" von Arturo Márquez (Jahrgang 1950) auf vertrautem Terrain enorme Energien freisetzen. Im Zugabenteil, unter anderem mit dem Mambo aus Bernsteins "West Side Story", werden flugs Blousons in Landesfarben übergestreift, bei der Reprise des Márquez-Finales beginnt das Orchester gar zu tanzen. Was für eine Party. Und eine Demonstration, die manch satten Europäer, dessen Nachwuchs womöglich Tschaikowsky für den Libero von Lokomotive Moskau hält, recht kleinlaut werden lässt: Braucht's unbedingt Existenzangst, um den Wert der Musik zu erkennen?

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