Wolfgang Koch als Falstaff mit den weiteren Solisten der Aufführung.
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Wandelnde Karikaturen in schrägen Klamotten: Falstaff (Wolfgang Koch, Mi.) und die neureichen Schickis.

Neuinszenierung unter Corona-Bedingungen

Partybremse: Die Bayerische Staatsoper und ihre Stream-Premiere von Verdis „Falstaff“

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Die Bayerische Staatsoper hat schon wieder Corona-Pech und muss ihre „Falstaff“-Premiere ins Netz verbannen. Die Produktion lebt von den Kostümen und von Dirigent Michele Mariotti.

  • Verdis letzte Oper als Geisterpremiere im leeren Haus und mit einer Zoom-Konferenz zum Finale
  • Die Figuren tragen Schräges zwischen Moshammer-Schick und russischer Haute Couture
  • Als Feier der Oberflächlichkeit funktioniert der Abend, Verdis Humor bekommt die Regie aber nicht in den Griff

Ein Leben ohne ihn? Wie Suppe ohne Prise Salz wäre das, ohne „un bricciolo di sale“ – singt Falstaff jedenfalls selbst. Als weiteren Beweis für den Narzissmus eines gefoppten Womanizers könnte man das abtun. Oder wie Regisseurin Mateja Koležnik als Rede zur Lage aller Nationen. Also: Schluss mit der Live-Musik, Leinwand aufgebaut für die Zoom-Konferenz aller Beteiligten – und für ein „Falstaff“-Finale aus der Konserve. Das habt ihr davon, zeigefingert es Richtung Politik, wenn ihr die Kultur ausbluten lasst.

Die böse Schlusspointe dieser Neuinszenierung ließe sich lange diskutieren – so unvorbereitet sie auch diese Geisterpremiere an der Bayerischen Staatsoper beendet und so sehr die Idee abgekupfert wirkt von den Regie-Usancen eines Peter Konwitschny. Auch beim „Fliegenden Holländer“ am selben Haus (und nicht nur dort) ließ er bekanntlich den Stecker ziehen. Vor allem aber hat die finale Wendung dieses Verdi-Projekts wenig mit den zweieinviertel Stunden zuvor zu tun: Darf’s noch ein bisserl nachgereichte Kritik sein?

Klopapier und Stöckelschuhe in den Schränken

Das Premieren-Pech der Staatsoper setzt sich fort. Gab es „Die Vögel“ von Walter Braunfels Ende Oktober lediglich als eine einzige Aufführung vor 50 Zuhörern, fristet dieser „Falstaff“ vorerst nur ein digitales Dasein. Als live gestreamte Premiere am Mittwochabend und künftig als Homepage-Video für 14,90 Euro. Immerhin, das Haus lebt noch. Und muss – gerade deshalb wurde die für vergangenen Sommer geplante Neuproduktion jetzt nachgeholt – über genügend „fertige“ Vorstellungen für bessere Zeiten verfügen.

Auch der neue „Falstaff“ lebt, dies vor allem, von Ana Savić-Gecans Kostümen. Schräge Neureichs zwischen Moshammer-„Schick“ und russischer Haute Couture, mehr Plaste als Stoff-Elaste, feiern vor allem sich selbst. Während der Titelheld im Schrank Klopapier bunkert, ergötzen sich die angeschickerten Vorstadtweiber an der Stöckelschuh-Sammlung. Eine Dauer-Party wandelnder Karikaturen, für die Raimund Orfeo Voigt seine Bühnenwände mit 16 Türen in ständiger Bewegung hält. Die überblenden sich dabei und eröffnen immer neue Durchblicke, jedoch  kaum mehr Einsichten.

Vor allem aber bietet das viele kleine Räume für Parallelhandlungen, für plötzliches Auftauchen, gegenseitiges Belauschen. Am heimischen Bildschirm wirkt das dank der Kameraführung einigermaßen fokussiert. Gut möglich, dass live im Nationaltheater der Eindruck des Überinszenierten entsteht. Als Genre-Bild und Feier der Oberflächlichkeit funktioniert der Abend. Doch Koležniks Inszenierung zeigt auch: Der „Falstaff“-Humor, der sich aus Fallhöhen speist, aus unvermittelt ironisierter Tragödie, aus stetem Wechselspiel also, auch aus dem Zurücktreten und der Draufsicht aufs Stück, all das ist schwer in den Griff zu bekommen. Einer jedoch hat den Schlüssel dafür, es ist Dirigent Michele Mariotti.

Als Zoom-Konferenz aus der Konserve gibt es das Finale.

Man muss nur erleben, wie er mit dem Staatsorchester Fords Monolog nachzeichnet. Das Dunkle, Giftschleichende hört man (Verdis Reminiszenz an Jagos Gebet, das er einige Jahre zuvor schrieb), den Machismo, die Enttäuschung eines Gehörnten und zugleich das Aufgeplusterte dieser Szene. Dies und noch viel mehr kitzelt Mariotti heraus. Das übertourige Komödienfunkeln liegt ihm genauso wie die Stretta-Wirkungen, wenn am Schluss der meisten Szenen Verdi den Turbo zuschaltet und beifallheischend ins Publikum schaut.

Wolfgang Koch in der Titelrolle wirkt querbesetzt

„Falstaff“, das lernt man ebenfalls, braucht vor allem starke Typen. Nicht für alle Rollen stehen sie zur Verfügung. Immerhin für die Titelpartie: Wolfgang Koch wirkt querbesetzt. Der sonst gern Heruntergerockte gibt den mal müden, mal aufgekratzten Midlife-Crisis-Kerl. Die typische Falstaff-Grandezza fehlt. Auch hat sich Koch, viele Blicke zum Dirigenten beweisen es, noch nicht freigesungen. Vokal bewegt er sich zwischen weichem Parlando-Ton und Angstbeißer-Dramatik, ein aparter Mix.

Ailyn Pérez lässt als Alice (auch stimmlich) durchblicken, dass sich hier eine Tragödin in die Klipp-Klapp-Komödie verirrt hat und das mit vielen kleinen Nuancen genießt. Boris Pinkhasovich führt als Ford imposantes Bariton-Erz ins Feld. Doch dann verliert sich das übrige Ensemble schnell im munteren Grundrauschen, so ansprechend alles wie im Falle von Elena Tsallagova (Nannetta) auch gesungen ist. Für die „Falstaff“-Serie im Mai, dann hoffentlich vor Publikum, gibt’s teils ganz andere Besetzungen – und, den besseren Umständen entsprechend, vielleicht ein echtes Finale.

Aufzeichnung
verfügbar ab 5. Dezember, 12 Uhr, unter staatsoper.tv.

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