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Passionsspiele Oberammergau: „Jesus wird wieder lauter“

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Von: Michael Schleicher

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Passionsspiele Oberammergau: Spielleiter Christian Stückl.
„Diese Geschichte ist nie zu Ende erzählt“, sagt Spielleiter Christian Stückl über die Passion in Oberammergau. © Andreas Mayr

Endlich. Am Samstag, 14. Mai 2022, feiert die Passion in Oberammergau Premiere. Wenige Tage davor sprachen wir mit Spielleiter Christian Stückl, 60, der auch Intendant des Münchner Volkstheaters ist, über die 42. Passionsspiele.

Aus bekannten Gründen musste das „Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ verschoben werden, das 1634 erstmals aufgeführt wurde. Seit 1680 gilt der Zehnjahres-Rhythmus – eigentlich wäre 2020 Passionsjahr gewesen. Jetzt ist am Samstag, 14. Mai 2022, endlich Premiere. Darauf freut sich nicht nur Spielleiter Christian Stückl.

Es ist Ihre vierte Passion als Spielleiter – ist es auch die aufregendste?

Christian Stückl: Das kann man so nicht sagen. Als ich das erste Mal Spielleiter war, waren die Anfeindungen ziemlich heftig. Wir wollten damals was Neues machen, wollten Veränderungen. Jede Passion war anders – aber die jetzt war schon sehr anstrengend. Vor allem zum Schluss raus.

Woran lag das?

Christian Stückl: Am Mittwoch zum Beispiel hatten wir neun Corona-Fälle bei der Technik. Ich habe das Gefühl, ich kriege nur noch Krankmeldungen rein. Es ist nicht unanstrengend, das Ganze zusammenzuhalten. Es gab die Verschiebung um zwei Jahre, dann hatte ich den Herzinfarkt...

Ich hatte zuletzt den Eindruck, dass Sie über Ihren Infarkt vom Februar nicht gerne sprechen.

Christian Stückl: Das Thema ist durch, ja. Am ersten Morgen, wenn du es hast, denkst du: Was ist das? Ich war mit einem Freund im Auto und hab’ gesagt: „Ich glaube, wir sollten einen Arzt rufen.“ Zwei Tage später war ich operiert – und es ging mir wesentlich besser. Wenn du einen Stent drin hast, läuft die Pumpe wieder.

Gibt es am Premierentag irgendwann den Punkt, an dem Sie wissen: Jetzt kann die Anspannung nachlassen?

Christian Stückl: Da ist man den ganzen Tag auf Hochspannung. Da fällt wirklich erst abends alles von einem ab.

Ist es gemein, zu fragen, was wichtiger für Sie war? Die Eröffnung des neuen Volkstheaters in München – oder die Tatsache, dass die Passion stattfinden kann?

Christian Stückl: (Lacht.) Wir waren letztes Jahr im Oktober extrem unter Strom, damit im neuen Volkstheater alles läuft. Und die letzten zwei Monate war ich extrem unter Strom wegen des Passionsspiels. Beides sind wichtige Ereignisse, die kannst du nicht gewichten.

Lassen Sie uns über die Geschichte sprechen, die Sie in Oberammergau erzählen: Wie hat sich Ihr Blick auf Jesus seit 1990 verändert?

Christian Stückl: Beim ersten Mal waren wir ja noch jung. Heute glaube ich, dass wir Jesus damals so gesehen haben, wie wir uns selbst gesehen haben. Wir wollten Revolution – genaue theologische Richtlinien hatten wir nicht im Kopf. Wir wollten Veränderung. Der Jesus sollte kräftig sein und laut. Er versuchte – vielleicht auch mit jugendlichem Übereifer –, die Welt zu verändern. Da kam sicher beides übereinander: meine Haltung zum Passionsspiel und die Haltung von Jesus. 2010 hatte sich das total verändert: Da ging es um den ruhigen Jesus, den ganz konsequenten, der mit sehr viel Bedacht an seinem Weg dranbleibt.

Und was erwartet das Publikum jetzt?

Christian Stückl: Ich spüre, dass bei mir Jesus wieder lauter wird. Ich habe keine Lust auf einen rein theologischen Jesus – theologische Streitigkeiten interessieren mich fast nicht mehr.

Sondern?

Christian Stückl: Mich interessiert der Jesus, der an die sozialen Ränder geht, der viel über Armut, der viel über Flüchtlinge, der viel über Krieg redet. Ein Jesus, der zum Teil verzweifelt ist, weil er denkt – und das deckt sich vielleicht wieder mit mir –, die Welt wird nicht gerettet werden, auch wenn er sich noch so sehr anstrengt.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Christian Stückl: Da fällt mir der Satz ein: „Denn es wird sein wie in den Tagen Noahs – die Sintflut kommt und rafft sie alle dahin.“ Da ist man gedanklich schnell beim Klimawandel. Es gibt mehrere solcher Punkte. Es hat nun ganz klar etwas vom Kampf eines Verzweifelten, der aber Prioritäten setzt – und an die sozialen Ränder geht.

Sie haben von Veränderung gesprochen. Ist das vielleicht das Wichtigste, wenn man sich mit einem solchen Stoff künstlerisch beschäftigt? Das Hinterfragen und Verändern?

Christian Stückl: Als ich vor mehr als 30 Jahren angefangen habe, waren mir zwei Dinge besonders wichtig: mehr über das Leben Jesu zu erzählen als über seinen Tod – und gegen Antisemitismen im Passionsspiel anzugehen. Natürlich ging es auch darum, die Passion an sich zu hinterfragen. Bis 1990 durften ja zum Beispiel keine verheirateten Frauen und keine Frauen über 35 teilnehmen. Um mitzumachen, muss man heute in Oberammergau geboren sein oder seit 20 Jahren hier leben. Eine Gesetzgebung, die mich mehr als aufregt. Denn wo du geboren bist, hat keine Wichtigkeit. Mit der Flüchtlingswelle kamen zum Beispiel Jugendliche aus Afghanistan oder Nigeria. Die tun dem Ganzen total gut!

Also ist es auch hier Zeit für eine Veränderung?

Christian Stückl: Wenn du fragst, woher die Regel mit den 20 Jahren kommt: Die wurde 1960 eingeführt, damit man die aus dem Osten Vertriebenen, die nach 1945 nach Oberammergau gekommen sind, vom Spiel abhält.

Das sollte sich ändern?

Christian Stückl: Das muss sich ändern. Da bin ich mir ganz sicher. Denn ich habe noch nie so stark wie dieses Mal gemerkt: Das Passionsspiel wird von den 20- bis 30-Jährigen getragen.

Das ist ein gutes Zeichen!

Christian Stückl: Die Jungen tragen das Spiel – und es ist wahnsinnig wichtig, dass die Jungen es tragen, dass sie Lust haben, es weiterzumachen. Diese Geschichte ist nie zu Ende erzählt.

Inwieweit hat die Weltlage mit Corona und dem Ukraine-Krieg Ihre Arbeit als Regisseur beeinflusst?

Christian Stückl: (Denkt nach.) Ich merke, dass man ganz anders auf bestimmte Sätze hört. Zum Beispiel schreit Petrus mal den Judas an: „Tu ab den Namen Gottes vom Krieg. Gott will keinen Krieg. Der Mensch führt Krieg!“ Dieser Satz hört sich vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs anders an. Er war aber schon vor zwei Jahren in der Textfassung. Denn wir hatten auch 2020 Kriege auf der Erde – die waren halt weiter weg. Jetzt wird er aber mehr gehört.

Auf die Kartennachfrage hat die Weltlage in jedem Fall Einfluss. Wie sind die Vorverkaufszahlen?

Christian Stückl: Momentan bewegen wir uns bei 75 Prozent Platzauslastung, das ist für Oberammergau sicher neu. Wir haben bislang keine 100 Prozent. Aber ich schaue mir die Zahlen beim Volkstheater in München an und erschrecke – und ich glaube, die Kammerspiele erschrecken bei ihren Zahlen gerade auch.

Woran liegt die Zurückhaltung des Publikums?

Christian Stückl: Ich habe keine Ahnung, ob es daran liegt, dass die Energiekosten gestiegen sind und die Leute wegen der Inflation ihr Geld zusammenhalten; momentan stagnieren wir bei 75 Prozent Auslastung. Wir haben über 100 000 Karten in Amerika verkauft. Das ist auch weniger als vorher. Vielleicht wäre es aus diesem Grund auch einmal interessant, darüber nachzudenken, ob die Passion der einzige Wirtschaftsfaktor Oberammergaus sein kann.

Gab es nach der Verschiebung vor zwei Jahren einmal den Punkt, an dem Sie dachten, die 2020er-Passion wird überhaupt nichts mehr?

Christian Stückl: (Lange Pause.) Ja, den gab es schon. Am 6. Januar hatte ich zum Beispiel Probenbeginn und am 4. Januar war Bayerns Gesundheitsminister Holetschek da und hat gesagt: „Ich sehe es nicht.“ Das war für uns ein ganz schwieriger Moment. Aber jetzt geht’s. Jetzt läuft’s.

Noch mehr zu den Passionsspielen Oberammergau 2022? Lesen Sie hier unsere Kritik zur Ausstellung „(IM)MATERIELL – Stoff, Körper, Passion“ im Oberammergau Museum.

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