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Passionsspiele Oberammergau: politisch und unterhaltsam

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Von: Simone Dattenberger

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Fotoprobe der Oberammergauer Passionsspiele
Passionsspiele Oberammergau: Frederik Mayet spielte Jesus bei der Premiere. © Matthias Balk

Oberammergau hat eine neue Passion. Am Samstag, 14. Mai 2022, feierte die Inszenierung von Spielleiter Christian Stückl im Passionstheater Premiere. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Sie legen zwei Leitern an den Längsbalken. Der Mann vorne zieht mühsam, aber sanft den Nagel aus den Fußgelenken des Geschundenen. Der hintere Mann klettert mit einer Stoffrolle bis zum Querbalken hinauf. Er wickelt ein Stück ab, schlingt es erst um das Holz und unter die Achsel des Toten. Die weiße Bahn wird länger, das andere Holz wird zur Stütze, die zweite Achsel wird gehoben, die Nägel werden aus den Handgelenken entfernt. Erst fällt der eine Arm um den Mann auf der Leiter, schließlich sinkt ihm der Gekreuzigte an die Brust. Stille. Eine Szene des Schmerzes, des Abfindens mit der Katastrophe – und voll unendlicher Zärtlichkeit. Die Mutter sieht zu, gefasst, weil sie den Leib ihres Sohnes bestatten kann, weil ihr Vertrauen in die verheißungsvollen Worte ihres Sohnes, ihr Vertrauen auf Gott wieder stark werden.

Passionsspiele Oberammergau: Corona erzwang die Verschiebung

Am Samstag, 14. Mai 2022, konnten die Oberammergauer nach zwei Jahren Corona-Bangen und Umplanungen die Premiere des neuen Passionsspiels feiern. 1400 Erwachsene und 400 Kinder – 300 Menschen konnten ihre Zusage von 2020 nicht mehr einhalten – spielten, sangen, musizierten für sich und ihre Gäste: zweieinhalb Stunden am Nachmittag und fast drei Stunden in der Nacht.

Normalerweise erzählt das Stück „Die Pest“, wie es zum Gelübde 1633 kam. 2019 liegt lang zurück, und so wird der Schwur zu Beginn mit einer kurzen Szene zitiert. Chor und Volk werden optisch zur Einheit im kargen Gewand, das sich an alter ländlicher Bekleidung orientiert (Trachtenopulenz gab es nicht). Für Üppigkeit und Staunen sorgt die Stimmgewalt des Chores (gut 120 Personen), der das Publikum erliegt, obwohl der Text fast nie verstanden werden kann (Akustik? Tonanlage?). Gesungen wird mit ehrlichem Pathos, ohne Schwulst. Besonders bewegend sind die neu dazugekommenen jüdischen Lieder. Die Grundkomposition stammt von Rochus Dedler (1779-1822), die immer wieder überarbeitet wurde, jetzt von Markus Zwink, dem Musikalischen Leiter und Spiritus rector der Oratorium-ähnlichen Präsentationsform. Er ist mittlerweile von den Oberammergauer Passionsspielen so wenig wegzudenken wie Spielleiter Christian Stückl, Ausstatter Stefan Hageneier und Geschäftsführer Walter Rutz (offensichtlich ein Organisationsgenie).

Hageneier hat sich von der Bühnenarchitektur von 1930 mit den schemenhaften Gassen und Häusern verabschiedet und klassizistisch angehauchte Bauten mit Zentralgebäude und Säulennischen installiert. Die mittige Kulisse kann Theater, Tempel, Platz sein. Damit wird noch einmal die dramatische Distanz postuliert: Ja, es geht um ein Gelübde, einen spirituellen Akt; ja, es ist ein Laienspiel. ABER: Ja, wir Oberammergauer haben außerdem den Anspruch, Kunst zu schaffen. Das ist nicht größenwahnsinnig; sie reihen sich vielmehr ein in die menschheitsgeschichtliche Entwicklung: Aus religiösem Tun sind die Künste erwachsen.

Christian Stückl ist zum vierten Mal Spielleiter der Passion

Auch Stückl führt seit 1990 seine Eingriffe in den Text und seine Inszenierungen auf der Basis der Tradition fort, die nur leben kann, weil er sie mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern umgeformt hat. Heuer sind die Farben der Gewänder blasser, die Themen Ausbeutung, Hunger, Besatzungsterror, Gewalt gegen Frauen schwärzer. Zugleich leuchtet der Geist der Aufklärung heller. Der Wechsel von Gesang, der die symbolistisch schrägen Kommentare der „Lebenden Bilder“ zu Episoden aus dem Alten Testament erklären soll, und von Spielszenen wird weitgehend eingehalten. Stückl setzt indes öfter auf fließende Übergänge, wobei auch die „Action“ zu einem Tableau vivant erstarren kann.

Szene aus dem 42. Passionsspiel in Oberammergau
Passionsspiele Oberammergau: Die „Lebenden Bilder“ beeindrucken. © ANDREAS MAYR

Wunderbar anschaulich gelingt das vor der Pause. Moses kniet vor dem brennenden Dornbusch. Gott will, dass er sich vom Pharao emanzipiert. Als das „Lebende Bild“ von der Bühne verschwunden ist, fluten an dieser Stelle gigantische Stoffbahnen heraus. Bis man sich versieht, steht das Zelt für das Letzte Abendmahl. Judas und Jesus streiten um den rechten Weg – Krieg den Feinden oder Feindesliebe –; für die Fußwaschung nimmt sich die Regie in schöner Stille viel Zeit; das Brotbrechen und Weintrinken ist kitschfrei, bis alles in Jesu Panik am Ölberg, in sein Einverständnis in die Passion und Verhaftung mündet. Und ständig sitzt da ein Mann an der Seite, den nur Jesus sieht. Er weiß, das ist Gottes Wort. Diesem verleiht David Bender eine klare, bestimmte Durchschlagskraft. Währenddessen Frederik Mayet in der entscheidenden Szene als Premieren-Jesus seine schwersten Gefühlsstürme glaubhaft machen muss. Mayet stellt nach zwölf Jahren erneut den Gottessohn dar. Innere Reife hatte er schon damals; sie ist jetzt um viele Schichten Intellektualität ausgebaut. Er muss als Revolutionär, der in kein von Menschen erwartetes Schema passt und deswegen bis heute alle überfordert, im ersten Teil mächtige, schwierige Textflächen bewältigen. Streiten, Disputieren, Argumentieren – all das hat Stückl 2022 ins Zentrum gestellt. Seine immerwährende Auseinandersetzung mit den Evangelien spiegelt sich – teils zu lang – in vielen Szenen wider (theologischer Berater: Ludwig Mödl von der Münchner Heilig-Geist-Kirche).

Wie setzt man Gottes Wort wahrhaftig um? Wie lassen sich politische Notwendigkeiten damit verbinden? Hat Judas nicht doch Recht? Er will gegen die römische Besatzung kämpfen – wie heute die Ukrainer gegen die russische. Diese Passion ist sehr theologisch, sehr politisch. Stückl macht keine Konzessionen. Spirituelle Folklore gibt es nicht. Keinen frommen Gefühlsbalsam. Ablass wird nicht gewährt. Mitdenken, mitdiskutieren und handeln wird gefordert. Am Anfang war das Wort – und Wort soll Tat werden.

Passion 2022: Die Massenszenen sind noch aufregender

Dabei ist die Inszenierung unterhaltsam, bewegend. Cengiz Görürs Judas packt einen mit Leidenschaft. Walter Rutz’ Josef von Arimathäa fetzt als Jesus-Verteidiger über die Bühne. Peter Stückl – ja, der Papa – ist ein imponierender, böser Annas und Andrea Hecht eine starke, klare Mutter Maria. Alle müsste man nennen, ob in den 20 Haupt- oder 120 Nebenrollen. Sie überzeugen, weil sie mit Überzeugung für die Passion brennen. Und Christian Stückl hat sie als Einzelne im Blick und in den heuer noch aufregenderen Massenszenen.

Passionsspiele Oberammergau: Applaus nach der Premiere

Begeisterter Applaus brandete am Samstag um 23 Uhr auf, obwohl der sich traditionell nicht bei der Passion gehört. Aber alle waren doch so froh. Der Engel hatte gerade kühl die Auferstehung postuliert und Maria von Magdala (Barbara Schuster) ihr Glaubensglück.

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