Das passt jetzt gar nicht

Bayreuth - Gerüste am Festspielhaus, frierende Gäste und ein wärmendes Konzert: Bayreuth feiert Richard Wagners 200. Geburtstag.

Zumindest die Leipziger hatten, wie es sich für Geburtstage gehört, etwas zum Auspacken. Ein funkelnagelneues Komponistendenkmal in der Geburtstadt Richard Wagners, am Vormittag bei strömendem Regen enthüllt. Und Bayreuth? Musste verhüllen. Rechtzeitig zur großen Festivität am Mittwochabend verdeckte ein gnädiges Transparent das Gerüst am Festspielhaus. Eine nachgemalte Fassade, leuchtender, farbkräftiger als die originale – und vom Fuß des Grünen Hügels aus gesehen täuschend echt. Sechs Jahre soll das so anhalten. „Hoffentlich besprüht das keiner“, sagt Festspielsprecher Peter Emmerich.

Überhaupt scheint es, als ob dieser 22. Mai, Wagners 200. Geburtstag, Bayreuth so gar nicht in den Kram passt. Sanierungsarbeiten am Festspielhaus, Wagners Villa Wahnfried, ebenfalls in Renovierung, sieht fast so aus wie 1945 nach dem Bombenangriff, und vor Beginn des Geburtstagskonzerts oben am Hügel halten sich draußen Gala-Gäste mit klammen Fingern am kühlen Weißweinglas fest. Es ist unter zehn Grad, aus Mündern steigen Wölkchen. Man trägt Anzüge und luftige Abendkleider wie hier sonst immer, kaum Mäntel, eine wetterkundige Japanerin wärmt ihren Hals mit einer Art König-Ludwig-Gedächtnis-Hermelin. Lange darf man nicht ins Haus, weil offenbar die (wenigen) Promis noch nicht vorgefahren sind. Nein, Bayreuth, das taugt nur für den Sommer.

Ministerpräsident Horst Seehofer redet dann drinnen vor allem von Bayerns Verdiensten um Richard Wagner. Keine Übersetzung für die internationalen Gäste, ist vielleicht auch besser so. Gut, dass es da einen so besonderen Energiespender gibt. Eine relativ kurze Anspielprobe um halb vier, das musste fürs weltweit übertragene Konzert um halb acht reichen. Und wenn man einen solchen begnadeten Handwerker zur Verfügung hat, geht die knappe Rechnung auch auf.

Christian Thielemann, Wagners begehrter Sachwalter, hat viel zu tun in diesen Tagen. 24 Stunden zuvor noch Geburtstagskonzert in Dresden, nun, mit anderem Programm und anderen Solisten, Ähnliches im Wagner-Mekka. Egal, alle können die Stücke, das geht schon. Im Unterschied zu sonst, wenn das famose Festspielorchester im verdeckten Graben spielt, sitzt es nun auf der Bühne. Man muss sich einhören. Alles tönt viel trennschärfer, was Thielemann gleich zur Fieselarbeit nutzt. Eine Seeleneinigkeit hört man da, das Ensemble reagiert auf die kleinste Fingerkrümmung des Chefs, auch bei (verschmerzbaren) Irritationen. Was fehlt, ist der gewohnt körperhafte Klang, Wagners wohliges Wummern. Weniger Überwältigung ist dieser lange Abend also, eher intellektuelles Vergnügen: Was Richard selig nicht alles für Feinheiten komponiert hat!

Kein Durchhänger beim ersten „Walküre“-Akt, Thielemann treibt dramatisch an. Erst im Sieglinde-Monolog, von Eva-Maria Westbroek mit Emphase und großer Rollenidentifikation gestaltet, wächst die Aufführung über die kundige Koordination hinaus. Kwangchul Youn singt den Hunding mit maximalem Ausdruck. Johan Botha, der Tenormustertechniker, spart mit den großen, ausschwingenden Lyrismen, auch mit dem Heldenglanz. Merkwürdig starr, zwei-, dreimal auch textunsicher bleibt sein Siegmund.

Wer in der Pause nicht festfriert und sich an Bratwürscht wärmt, erlebt danach drinnen eine Steigerung. Wobei Westbroeks flackernder, unausgeglichener „Liebestod“ aus dem „Tristan“ manch Wagnerianer Runzeln auf die Stirn treibt: Das soll hier in zwei Jahren Thielemanns Isolde sein...? Erst als der Dirigent mit dem Orchester „allein“ ist, wächst der Abend zu Bayreuth-Größe. „Rheinfahrt“ und „Trauermarsch“ (zum Geburtstag?) aus der „Götterdämmerung“, vor allem ein großartiges Vorspiel zu den „Meistersingern von Nürnberg“. Eine überreiche, übervolle Lustspiel-Ouvertüre ist das bei Thielemann, kein germanisches Dröhnen. Das klingt nicht nach Berlin, sondern tatsächlich nach Nürnberg, die perfekte Überleitung zur Party danach.

Die ist unten in der Bayreuther Stadthalle und treibt die Organisatoren an Grenzen. Man sitzt an hübsch dekorierten Tischen für 45 Euro Extra-Eintritt. Zu trinken und zu essen gibt es zunächst nichts, manch einer stellt sich in Eigeninitiative am Buffet an. Nach Mitternacht wird es hell: Sonnyboy Klaus Florian Vogt, Bayreuths zurzeit meistbeschäftigter Tenor, tritt auf und gibt ein Mini-Konzert, nur vom Klavier begleitet. Aus den „Meistersingern“ und aus „Lohengrin“ singt er.

Die Festspielleiterinnen Katharina Wagner (vormittags noch für eine Ultrakurzrede in Leipzig) und Eva Wagner-Pasquier zeigen sich nur kurz. Von Verena Wagner-Lafferentz, letzte Vertreterin der Enkelgeneration, nimmt keiner offiziell Notiz. Bis Wieland-Tochter Daphne endlich zum Mikro greift und ihre 92-jährige Tante begrüßt. Es bleibt eben ziemlich verquer bei den Wagners.

Markus Thiel

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