Pate und Patachon

- "Heller und klarer" werde nun die Sonne strahlen, ein "Kind von tapf'rem Leiden" geboren. Doch dieses, traumatisiert durch Intrigen und Mord, fingert sich Papas Revolver, tastet sich in den Hintergrund, während die Elterngeneration an der Rampe trotzig das Happy End behauptet. Wer's glaubt. Der Regisseur jedenfalls nicht: Dieser Flavio, Sprössling der wieder inthronisierten Langobarden-Herrscher Rodelinda und Bertarido, bietet nicht den Hauch einer Chance, sondern nur die Fortsetzung des immer gleichen, immer tödlichen Spiels.

<P>Ein böses Ende. Doch konsequent. So konsequent, wie David Alden Händels "Rodelinda" fürs Münchner Nationaltheater als Nachtstück deutete, als mafioses Schurkendrama, gekleidet in die düstere Ästhetik des Film Noir. Zum ersten Mal eröffnete die Staatsoper ihre Festspiele mit Barockigem _ und verweigerte dem darob wohl teils verstimmten Publikum rasende Rachenummern und blitzende Jubel-Reißer. Also die Show. "Rodelinda" ist das Gegenteil: nur ein Duett, nur ein Schluss-Ensemble, ansonsten eine enervierend ausladende Arien-Girlande, meist gramerfüllte Lamenti, aus denen Virtuoses sporadisch hervorblitzt. Und dass David Alden und Dirigent Ivor Bolton uns die Komplettfassung zumuten, allenfalls Rezitative kürzten, ist eine harte Geduldsprobe.</P><P>Bei aller Liebe zu Händel - die Aufführung ist zu lang; was im Rezitativ mitgeteilt wurde, muss nicht stets durch die folgende Arie bestätigt werden. Zumal auch Alden das Stück nicht mit Schnickschnack überfüllte, sondern zu überraschender szenischer Ökonomie, zu gekonnter Feinzeichnung der Charaktere fand: Er nahm den intimen Gestus von "Rodelinda" auf, hielt endlich einen Regie-Ansatz von der Ouvertüre bis zum Finale durch.</P><P>Wie ein dreieinhalbstündiger Schwarzweißfilm in klaren, schönen, manchmal poetischen Bildern (Bühne: Paul Steinberg; Kostüme: Buki Shiff) wird das Epos entrollt. Zwischen abweisenden Hochhauswänden, unter einer Brücke, in zellenartigen Zimmern, zuletzt an einer dramatisch vergrößerten, schrägen Fassade begegnet sich diese ehrenwerte Gesellschaft, deren Mitglieder - wie bei Händel angelegt - in kein eindeutiges Typenschema passen.</P><P>Rodelinda, in edlem Schwarz stolzierend, mag den vermeintlichen Tod des Gatten und ihr eigenes Los bejammern, nimmt jedoch auch die Opferung des Sohnes in Kauf, schleudert Garibaldo Zornentbranntes entgegen - und qualifiziert sich damit für den Intrigantenstadel, der hier im Amerika der 50er spielt. Die wunderbare Dorothea Röschmann ist dafür eine Idealbesetzung. Obwohl sich ihr Sopran mittlerweile dramatisch weitet, Furor effektvoll hörbar werden lässt, hat die Stimme noch lyrische Süße behalten: Lamenti zum Weinen schön _ und im Überfluss. Durch ihr überzeugendes Spiel, vor allem aber durch die phänomenalen vokalen Mittel wird der Charakter der Königin beglaubigt und ins Zentrum des Geschehens gerückt.</P><P>Lamenti zum<BR>Weinen schön</P><P>Gegenspieler Grimoaldo ist ein Wesensverwandter. Dass sich hier ein Herzog brutal an die Macht putschte, nimmt man diesem zaudernden Liebeskranken und zu eitlen Tänzchen Aufgelegten kaum ab. Paul Nilon stattet die Partie aus mit den verschwenderischen Mitteln seines hellen, locker geführten, kraftvollen wie manövrierfähigen Tenors. Grimoaldos Angetraute hat angesichts ihrer Zukunft mit dem Weichling nur ein hässliches Lachen übrig: Felicity Palmer gibt Eduige als Mischung aus später Carmen, Denver-Biest und barocker Herodias, bei der die Handtasche genauso zur tödlichen Waffe geraten kann wie das scharfe Schwert ihres Mezzos.</P><P>Und auch bei Michael Chance, diesem sehr expressiven Solisten, bekommt das berühmte "Vivi tiranno" eine neue Bedeutung, fungiert nichts als Applauskitzler, sondern als Ausdruck des Wahnwitzes: Bertarido als Ver- und Getriebener, der sich ohne Gegenwehr in den Kofferraum des feindlichen Autos packen lässt, der im Selbstmitleid zerfließt, bis ihn der Gefährte Unulfo wachrüttelt. Chance begann problematisch, blieb intonatorisch knapp, entwickelte dann aber das reiche, vielfältige Potenzial seines Counters. Von ähnlichem klanglichen Zuschnitt: Christopher Robson (Unulfo), Patachon des Paten, als wuselndes Heinz-Erhardt-Männlein Aldens beste Erfindung. Den sonst blässlichen Gefährten trieb der Regisseur ins Groteske, schuf damit einen notwendigen Gegenpol zum melancholisch gelaunten übrigen Personal - vor allem dank Robson, der vokale Einschränkungen mit umwerfender Schauspielkunst ausglich. Umberto Chiummo, dieser Mafia-Strizzi in Lederjacke, sah gefährlicher aus, als er klang: Auch sein exquisiter, wohltönender Bariton unterstrich, dass die Staatsoper in dieser Produktion mit einem optimalen, festspielgemäßen Ensemble wucherte.</P><P>Ein kleines Wunder, welches Spektrum an Farben und Klangmischungen, an Affekten und Phrasierungen Ivor Bolton aus dem sparsam instrumentierten Werk herausholte. Mit diesem vitalen Musikanten am Pult, der Partituren nicht dirigiert, sondern teilnehmend durchlebt, hat sich die Barocktruppe des Staatsorchesters in die erste Reihe der Spezialensembles gespielt. Ohne den Motor Bolton und seine Gestaltungskunst wäre ein Grundfehler dieses Projekts offensichtlicher: Das Stück ist zu klein fürs Haus, hätte im Prinzregenten- oder Cuvillié´stheater seinen intimen, konzertanten Gestus besser entfalten können. Aldens neue Bescheidenheit verhinderte nicht, dass dem Filigranwerk mit szenischer Monumentalisierung begegnet wurde. Filmkulissen, die imponieren _ und erschlagen. Überdies eine Aufführung fürs Parkett: Das feine Mienenspiel und die dezente Gestik dürften kaum bis zur Galerie vorgedrungen sein, wurden Gesichter doch durch seitliche Scheinwerfer meist verschattet.</P><P>Buhs, auch heftige Bravi für die Regie, ermatteter Jubel fürs musikalische Team. Ein bisschen viel Händel, ein bisschen viel Alden (nach dem komplettierten "Ring") in dieser ablaufenden Saison. Daher: Respekt vor "Rodelinda" - und jetzt Vorfreude auf die Regie-Kollegen mit Donizetti, Verdi, Wagner . . .<BR></P>

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