Pathos, Phrase, Persiflage

- Es muss ja nicht immer die Domtreppe in Salzburg sein. Im Spiel dem Tod und vielleicht auch dem lieben Gott nahe sein - das kann sich genauso gut auf der Münchner Hildegardstraße ereignen. Zwischen Parkhaus und Rückgebäude der städtischen Kammerspiele. An eigentlich unwirtlicher Stelle, gäbe es an dieser Ecke nicht eine Kneipe, durch deren Fensterscheiben man aus sicherer Distanz diese Art Himmelfahrtskommando beobachten kann.

<P>Das Straßentheater "Präsentation eines Prototyps" - ein Monolog von Juli Zeh mit Paul Herwig als gewitzt und mutig sich Autos und Passanten entgegenwerfende Ein-Mann-Revolution - gehörte in das aufwändige Zwei-Tage-Programm, das die Münchner Kammerspiele am vergangenen Freitag und Samstag unter dem Titel "Glaubenskriege" dem Publikum boten. Gespielt wurde an allen möglichen und unmöglichen Plätzen des Theaters, vieles parallel, so dass auch der fleißigste Besucher am Ende nicht alles gesehen haben konnte. Eine Respekt gebietende Leistung des gesamten Ensembles - der Schauspieler, Dramaturgen, Regisseure, Techniker, Verwaltungsleute. Wer nicht spielte, half freundlich, den Besucherstrom von der Bühne in die Schlosserei, von der Montagehalle zur Unterbühne, vom Zuschauerraum zum Lastenaufzug zu lenken. Insgesamt 19 Veranstaltungen - inszenierte Monologe, die eigens für dieses Wochenende geschrieben wurden, Gastspiele, Diskussionen, Selbstdarstellungen, Lesungen . . .<BR><BR>In jeder Hinsicht war der Anspruch hoch: organisatorisch - perfekt gelaufen; theatralisch - manch Sehenswertes; publikumsmäßig - zwei Abende, die zunehmend mehr Menschen interessierten. In der inhaltlichen, gedanklichen Auseinandersetzung mit dem Motto "Glaubenskriege, Ich bin der Herr, dein Gott" - und sie war ja der eigentliche Anlass dieser PR-trächtigen Mammutunternehmung - muss aber das Ergebnis als eher bescheiden eingestuft werden.<BR>Zwar formulierte Intendant Frank Baumbauer in seiner Publikumsbegrüßung im Schauspielhaus das Ziel: gemeinsam nach nach Bekenntnissen zu suchen, nach Werten, Glauben; zu fragen nach "unseren Predigern" und danach, was unsere Gesellschaft einem religiösen Fundamentalismus entgegenzusetzen habe. Das hörte sich wahnsinnig klug an, blieb jedoch in der Umsetzung zumeist im Kabarettistischen, Gutgemeinten, Phrasenhaften oder Agitatorischen stecken.<BR><BR>Der Auftakt im Schauspielhaus - "Standbild mit Randexistenzen" - wies da bereits die Richtung. 35 so genannte Wahlberechtigte, Laien von der Straße, durften - das allerdings in feiner Ästhetik inszeniert - nach und nach die Bühne betreten und das heruntertrompeten, was sie schon immer einmal sagen wollten. Na, das war so belanglos wie zum Teil dumm, weil das Theater den Drang dieser armen Selbstdarsteller ausnutzte, um sie hier - ob freiwillig oder unfreiwillig - bloßzustellen. Der Zuschauer wird in solchen Fällen gezwungenermaßen zum Voyeur - und schämt sich dessen.<BR><BR>"Lasst uns gemeinsam reich werden."<BR>Hans Kremer als Heinrich von Pierer</P><P>Das änderte sich, sobald die Profis ihren Schauplatz betraten. Zum Beispiel wenn Hans Kremer als Heinrich von Pierer und damit als Prototyp des deutschen Konzern-Managers am Rednerpult stand und mit raffinierter Eloquenz den mit allen dialektischen Geistesfinessen gespickten Text vortrug, den der ungarische Schriftsteller Péter Esterhá´zy dem Ex-Siemens-Chef so gewitzt und wirklichkeitsnah in den Mund geschrieben hat.<BR><BR>Auf diesem hohen intellektuellen Niveau kann auch der von Dea Loher beigesteuerte Monolog mithalten. "Für Gerechtigkeit" ist die bekenntnishafte Forderung einer Gefangenen nach "gerechter", in diesem Fall verschärfter Strafe. Denn die von der bürgerlichen Gesellschaft geübte milde Loyalität den Verbrechern gegenüber sei nichts als Gleichgültigkeit. Ein interessantes, Widerspruch weckendes Denkmodell, beieindruckend dargestellt von Marion Breckwoldt.<BR><BR>Ideologisch mehr als einseitig dagegen das, was Feridun Zaimoglu und Günter Senkel zum Thema Palästinenser, "Gotteskrieger" und Islam beisteuerten; von Christoph Luser mit mächtigem Pathos und dem Gesicht zur Wand vorgetragen. Ebenfalls ein Leichtgewicht bloß Lukas Bärfuss' Ruanda-Text. Eine hübsch verfremdete Persiflage auf Condoleezza Rice bot Hildegard Schmahl als Grande Dame des Rokoko.<BR><BR>20 Minuten nur dauerten die Monologe. Da bekanntlich in der Kürze die Würze liegt, gelang es jeweils der szenischen Darbietung, die inhaltlichen Allgemeinplätze zu übertünchen. Ehe man begann, sich zu langweilen, war's schon vorbei. Und man begab sich zu neuen "Abenteuern" in die nächste Schaubude. Wobei manches 90-Minuten-Gastspiel ohne Reue vorzeitig verlassen wurde.</P>

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