Paul Klee in seinem Atelier im Bauhaus Weimar, 1923.

Sinne und Seele

Paul Klee: „Phantasiewelten“ und „Der andere Weg“

Murnau - Selbst abgebrühten Museumsgängern und Vielsehern geht da das Herz auf und der Mund über vor Begeisterungsrufen: und das bei einem einzigen Raum mit Werken von Paul Klee (1879 bis 1940).

Das Schlossmuseum Murnau hat schon seit 2006 vertrauensvolle Beziehungen zur Sammlung Berggruen – und sie wurden jetzt wunderschön aufgefrischt. Es habe zum 75. Todestag ein „stilles Angebot“ gegeben, merkt Museumschefin Sandra Uhrig lächelnd dazu an und schwärmt genauso von den Bildern wie unsereins. Der Schwelger-Schau „Phantasiewelten Paul Klee“ hat sie die Präsentation „Der andere Weg – Unterricht bei Klee“ zur Seite gestellt, unterstützt vom Zentrum Paul Klee in Bern.

Für die „Phantasiewelten“ sind tatsächlich aus allen Klee’schen Bildwelten repräsentative Werke zusammengekommen. Man durcheilt als Betrachter die Schaffensphasen, beginnend mit der Tunisreise 1914 (zusammen mit August Macke) und dem Farb-Licht-Erlebnis über konstruktiv-kompakte Architekturen und Natur-Fantasmagorien und endend mit Tüpfel-Verwirrspielen – sehr selten zu sehen – und den geerdeten Graffiti-Zeichen zwischen Archaik und Spiel (1938). Das Licht Nordafrikas wirkte für Paul Klee wie frisch gezündete Schubkraft. „Hamammet (Blick in die Gärten)“ markiert das in der Ausstellung. „Die Farbe hat mich, jetzt bin ich Maler“, habe Klee an seine Frau geschrieben, erzählt Uhrig. In der Tat testet der Künstler alle Sandtöne aus, kombiniert sie mit denen des Grüns von Agaven, Feigenkakteen und Palmen. Und er holt das Blau des Himmels auf die Erde herunter – in ein Bächlein, eine Bewässerungsanlage?

Diesem Zauberblau huldigt Paul Klee wieder. Im vier Jahre später entstandenen „Garten“, der eben nicht grün ist, öffnen sich Traumfenster – oder sind es von innen leuchtende Schreine? – rollen schwarze und weiße Gestirne über den Himmel, wachsen zwischen Treppe und Kasten gelb- und weißliche Pflanzen wie unter Wasser. Schwarze Schnörkel, Schatten und ein dunkler Hügel setzen düstere Fragezeichen. All das stützt der Meister oben und unten fein säuberlich mit einem güldenen Klebeband. Solche Bilder, luftig geschichtet aus vielen, vielen Farbebenen, sprechen Sinne und Seele an. Überhaupt lohnt es sich immer, die Werke aus der Nähe zu betrachten, denn dann öffnet sich das Herz der Malerei.

Dieses trennte Paul Klee ganz klar von seiner Arbeit als Lehrer am Bauhaus Weimar und Dessau. Er hatte Entwerfer (Buchbinderei, Gold-Silber-Kupferschmiede, Glasmalerei) unterrichtet und nahm das sehr ernst. In der Präsentation „Der andere Weg“ werden seine Unterrichtsnotizen genauso gezeigt wie Bücher und Aufsätze – und eben auch Übungen von Schülern wie Otti Berger, die die Nazis umbrachten, oder Helene Schmidt-Nonne, die sich auf Weberei spezialisierte. Wie überhaupt die Bauhaus-Schülerinnen gern ins Handwerkliche abgedrängt wurden. Für Klee war das freilich kein unwichtiges Feld. 3900 Blätter fanden sich nach dem Krieg in einem Koffer, die ausschließlich für den Unterricht entstanden waren; 40 davon sind nun in Murnau zu sehen.

„Die Bildnerische Form- und Gestaltungslehre“ verankerte er sowohl in der Natur wie in der Geometrie. Grundelemente waren neben den komplizierten Beziehungen der Farben gleichschenkliges Dreieck, Kreis und Quadrat, wobei die Lebenskraft „Eros“ selbst in diesen mathematischen Sphären eine Rolle spielte. Deswegen postulierte Klee: „Schlecht ist Form als Ruhe..“ Dynamik, Rhythmus, Bewegung sollten mitgedacht, mitkonstruiert, mitentworfen werden. Das lässt er ausgiebig einüben.

Besonders schön ist in Murnau, dass der Betrachter diese Theorien als lebendige Kunst in den Werken des Malers wiedererkennt: die kühle Architektur in „Stadtperspective“, die als raffiniert komponiertes Raumschiff im Nichts schwebt, oder die Blumen und Vögel, die wie aus Blechteilen zusammengesetzt und wie Maschinen zu funktionieren scheinen.

Simone Dattenberger

Bis 28. Juni

Di.–So. 10–17 Uhr, an Feiertagen (auch montags) geöffnet; Katalog „Phantasiewelten“: 19,50 Euro; Katalog „Der andere Weg“: 12,50 Euro; zusammen 30 Euro.

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