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Ein Bekehrter wird verspottet: Norman Hacker als John Smith und Andrea Wenzl als ehemalige Geliebte.

Paulus als Quotenbringer

München - Kluger Boulevard, streng und hochstilisiert inszeniert: Hier die Kritik zur deutschen Erstaufführung von Neil LaButes „Zur Mittagsstunde“.

Seinen Ursprung hat dieser gute Theaterabend im Neuen Testament: „Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm“, heißt es in der Apostelgeschichte von der Bekehrung des Saulus. Fortan sollte dieser Christenschinder sich Paulus nennen und das Wort Gottes verkünden.

Der US-amerikanische Autor und Filmemacher Neil LaBute, der etwa bei „Nurse Betty“ (2000) mit Renée Zellweger und Morgan Freeman in den Hauptrollen Regie führte, hat sich dieses biblische Motiv für sein Stück „Zur Mittagsstunde“ geborgt. Hier überlebt ein Mann als Einziger seiner Firma den Amoklauf eines Ex-Mitarbeiters. Der Überlebende ist ein Kerl, so durchschnittlich wie sein Name: John Smith. „Gott war bei mir“, ist sich Smith sicher, der im gleißenden Bühnenlicht vom gleißenden Licht berichtet, aus dem die Stimme des Höchsten erklang. Deshalb sei er noch am Leben, nun wolle er ein guter Mensch werden und von Gott künden.

Allein: In den sechs folgenden Szenen, die Smith mit seinem Anwalt, seiner Ex-Frau, einer TV-Moderatorin, seiner Ex-Geliebten, einer Hure, deren Mutter zu den Opfern gehört, und einem Polizisten zeigen, wird dieser Paulus von heute verspottet und beschimpft. Der einstige Tunichtgut wird sein altes Leben nicht los – oder ist die Geschichte von der Bekehrung nur ein Trick, um reich und berühmt zu werden? Neil LaBute geht es nicht um Psychologie. Er dekliniert diesen Fall beinahe wissenschaftlich, wobei die Partner, die er Smith zur Seite stellt, dessen Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven spiegeln.

„Zur Mittagsstunde“ wurde im vergangenen November in New York uraufgeführt. Jetzt hat Wilfried Minks am Münchner Residenztheater die deutsche Erstaufführung eingerichtet. Der einstige Mitarbeiter Peter Zadeks, der in den Sechzigerjahren die Bühnenästhetik in Deutschland revolutionierte und seit den Siebzigern selbst Regie führt, hat die 105 Minuten formal streng und hochstilisiert inszeniert: die Bühne nackt, ein Stuhl, kaum Requisiten, die Schauspieler agieren meist mit dem Blick ins Publikum. Meike Eberts statische Videoprojektionen sorgen im Hintergrund für die Verortung der Szenen.

Minks’ Interesse gilt den Typen, die LaBute in seinen klug komponierten Dialogen plakativ bis hin zum Klischee schildert: hier der aalglatte Anwalt, der in Smiths Fotos vom Amoklauf das große Geschäft wittert; da die zynische TV-Moderatorin, für die Smith nur Quotenbringer ist; dort die enttäuschte Ex-Frau, die so sehr verletzt ist, dass sie Smiths Sinneswandel nicht glauben kann. Sie alle sind letztlich nichts als Abziehbilder, die aber ganz wunderbar ihren Zweck erfüllen und Fragen aufwerfen, die auch den Zuschauer beschäftigen.

Arnulf Schumacher, Katrin Röver, Michaela Steiger, Andrea Wenzl, Friederike Ott und Sierk Radzei spielen ihre Figuren zwar nah an der Karikatur, stellen diese aber nie bloß. Norman Hacker ist die Idealbesetzung für John Smith, hält er doch dessen Glaubwürdigkeit stets in der Schwebe. Neil LaButes Stück ist klug und gut gemachter Boulevard. Wilfried Minks und seine Schauspieler haben es absolut angemessen auf die Bühne gebracht: unterhaltsam und bedenkenswert.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen 11., 12., 14. Oktober; Telefon 089/ 21 85 19 40.

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