Pazifisten mit Zipfelmütze

- Mit 16 Jahren reiste er von New York nach Deutschland - eigentlich zum Musikstudium und um den Eltern nachzueifern. Stattdessen ging er aber 1887 an die Hamburger Kunstgewerbeschule, 1888 an die Berliner Akademie und 1892 für ein halbes Jahr nach Paris. Lyonel Feininger (1871-1956) wurde, bevor er sich der Malerei zuwandte, zwischen 1890 und 1910 zu einem der in Deutschland bekanntesten Karikaturisten. Jetzt zeigt das Tegernseer Olaf-Gulbransson-Museum eine Auswahl seiner Werke.

<P></P><P>Feininger arbeitete unter anderem für die "Humoristischen Blätter", für "Harper's", seit 1895 vor allem für den "Ulk" und seit 1896 zugleich für die "Lustigen Blätter", deren wichtigster Zeichner er wurde. Von den über 2000 Originalen blieb nur wenige erhalten. Mit den Archiven seiner Auftraggeber gingen sie meist zugrunde. Doch ein westdeutscher Sammler machte sich auf die Suche. Innerhalb von 23 Jahren kam er - unter Einschluss von Illustrationen, früher Druckgrafik, einigen Skizzen und freien Zeichnungen - auf über 70 Blätter.</P><P>Für eine Ausstellungstournee, die im November 2000 in Wuppertal begann, wurde dieser damals 58 Originale umfassende Bestand katalogisiert und mit den inzwischen hinzugekommenen Blättern weiter gereicht nach Tegernsee. In der Schau überraschen die dezidiert politischen Themen: zum Flottenbau-Programm des Admirals von Tirpitz (1898) wie zu einem künftigen Seekrieg zwischen Deutschland und England (1900), zu einem Konflikt zwischen der Zentrumspartei und dem Vatikan (1901) wie zur Ehe des 24-jährigen serbischen Königs Alexander (als Esel wie im "Sommernachtstraum") mit der korpulenten, neun Jahre älteren Hofdame Draga (1901).</P><P>Ohne redaktionelle Vorgabe des "Ulk" zeichnete und aquarellierte Feininger 1902, wie Austen Chamberlain sich vehement gegen eine Tür stemmt, unter der eine Petition "Im Namen der Humanität" hindurchgeschoben wird. Säcke mit englischer Pfundwährung werden 1915 in den Ofen der feindlichen Kriegsmaschine geschaufelt - der Amerikaner Feininger agitierte als Deutscher. Schon 1904 karikierte er die "Internationale Friedensgesellschaft" als Schläfer mit Zipfelmütze. Einer liest im Buch: "Vom Frieden träumen."</P><P>Bissig und grotesk sind auch die scheinbar unpolitischen Blätter: die Fresslust bei der Henkersmahlzeit im Kittchen, "Die Bank der Angeklagten" oder auch eine Pariser Straßenszene von 1910. In die Länge gezogene, staksige Gestalten blieben noch eine ganze Weile Feiningers Spezialität, auch märchenhafte Burgen und Traumstädte. Hätte er als Illustrator weitergemacht, wäre er wohl an den Prager Golem und an Kafka geraten.</P><P>Bis 16. Februar außer montags 11-17 Uhr. Katalog: 15 Euro, Tel. 08022/ 33 38.<BR></P>

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