"Peer Gynt" im Volkstheater: Stolpernder Charmebolzen

München - Die Wolkenträume, die Wolken-Spintisierereien sind es, die Anfang und Ende von "Peer Gynt" am Münchner Volkstheater zusammenhalten. Es ist nicht Ibsens "Peer, du schwindelst!", das seine Mutter ihm entgegenschleudert. Und der Münchner Peer auf dem Dach der elenden Hütte, die mehr nach Vorstadtarmut denn nach Bauernnot ausschaut, schwadroniert gleich von Größe und Kaisertum.

Die will er sich erringen, will nicht mehr Angst haben, in den Misthaufen zu seinen Füßen zu stürzen oder gestoßen zu werden. Und während der blonde, hübsche Bursche mit seiner Kinderkrone da oben noch fabuliert, schleichen sich Stenzen im 30er-Jahre-Gewand samt Kollegin im Sommerkleid heran: die Jungen Riederinger Musikanten diesmal völlig unbayerisch - und ganz ohne Griegs berühmte Klänge.

Volkstheater-Hausherr Christian Stückl hat selbst Henrik Ibsens "Dramatisches Gedicht" (1867, uraufgeführt 1876) inszeniert. Premiere war am Dienstagabend. In den knapp dreieinhalb Stunden unterstreicht der Regisseur immer wieder den Einfluss und die Präsenz der Dorfgemeinschaft. In ihr setzen Friedrich Mücke, Gabriel Raab, Tobias van Dieken und Andreas Tobias als Mann für die dunklen Mächte ihre Akzente. Dass die Riederinger als musikalische Kommentatoren dazugehören, ist nur logisch. Peer, der überzeugte Individualist, der stets nur er selbst sein will, ist also, ob er will oder nicht, in eine Gruppe, Gesellschaft, Sozialstruktur eingebunden.

Weder Ibsen noch Stückl wollen Philosophie- und Sozialkundeunterricht abhalten. Das bedeutet, dass "Peer Gynt" einen Wirbelsturm an Szenen, Episoden, Abenteuern, Dia- und Monologen, an Sagen- und Satire-Stückchen, an Mythen-Häppchen und Literaturanspielungen entfacht. Und niemand kann dem wirklich standhalten, ob Leser des "Gedichts" - von Ibsen schon als theatraler Zwitter benannt ­, ob Zuschauer, Regisseur oder Schauspieler, der die Titelfigur formen, tragen, wahrhaftig und glaubhaft machen muss.

Im Volkstheater ist das Maximilian Brückner. Er soll in dem Ibsen'schen Tornado mitwirbeln, soll zugleich fürs Publikum der verlässliche Leitfaden sein. Außerdem muss er das Stück zu Beginn abfeuern, als wär's eine Pistole. Bei der Premiere hat das nicht funktioniert. Die Ladehemmung löste sich erst allmählich und trat im Verlauf der Aufführung immer mal wieder ein. Brückner ist natürlich die Idealbesetzung des Hauses. Er hat die Anziehungskraft dieses Peer Gynt. Brückner bringt die Härte und Kälte, die Lächerlichkeit, Feigheit und den Hochmut dieses Kerls auf, aber immer mit dem Charme-Zuckerguss, der Frauen betört. Allerdings hat er - wie die Inszenierung ja auch - zum Teil (noch) Probleme, die Textmassen ökonomisch und differenziert zu gestalten.

Abgesehen von Hängern bringen ihn die Verse der Fassung von Peter Stein und Botho Strauß (Grundlage: Übersetzung von Christian Morgenstern und Georg Schulte-Frohlinde) mitunter ins Schleudern. So ist die Anfangserzählung des Abenteuers auf dem rasenden Renbock, um die schimpfende Mutter (Ursula Burkhart) abzulenken, flau, auch der Auftritt bei Ingrids (Barbara Romaner) Hochzeit bleibt müde. Erst als Brückner den von den Dörflern gejagten Peer gibt, blüht er in einem "Das ist Leben!" auf.

Stückl verschmilzt in seiner Inszenierung die Bauersleute und Ibsens Troll-Gesellschaft zu einem schrillen Mafiosi-Clan (samt der wiederum hinreißend anzusehenden und komischen Romaner), der als Initiationsritus von Peer unter anderem Kuhfladen-Essen fordert. Peer ist im Albtraum der totalen Anpassung gelandet. Er ist ganz unten. Und will nun vernünftig sein: Die Pappschachtel ist nichts als nur ein Karton - kein Schloss mehr. In einem wunderfeinen Theater-Schlenker macht die Inszenierung daraus ein Liebesnest.

Solvejg erscheint, verkündet ihre Liebe und Treue. Sarah Sophia Meyer spielt das klar, schlicht, schön. Ihre Solvejg ist eine nüchterne junge Frau, keine Schwärmerin. Wenn Peer verbissen sein Selbst herauskehrt, ist sie sich ihrer mühelos bewusst.

Das gibt Maximilian Brückner einen frischen Schub, sodass er nach der Pause die Wüsten-Episoden (Sklavenhändler, lüsterner Prophet, Ägyptentourist samt Irrenhausaufenthalt) relativ gut durchsteht. Alu Walters augenzwinkernd naives Dünen-, Palmen- und Sphinx-Ambiente nimmt nicht nur Ibsens Satire auf, sondern inspiriert auch Brückner zu lässig hingewoffenen Scherzen mit philosophischen Tupfern. Dennoch können er und die Inszenierung von Stückl dem "Peer Gynt" die zähen, überfrachteten Elemente nicht ganz austreiben.

Gleichzeitig ist bewundernswert, dass sich Christian Stückl nicht durch noch mehr Kürzungen davor gedrückt hat, viele der von Ibsen angeschnittenen Themen und dessen Ethik anzupacken. Durchaus möglich, dass nach ein paar Vorstellungen Tempo und Rhythmus besser sitzen. Dann wird sich die Argumentation von "Peer Gynt" - dieses Auf-und-ab des Lebens und die Erlösung - deutlicher herausschälen.

Nächste Vorstellungen:

6. und 11. April.

Die Besetzung

Regie: Christian Stückl. Bühne: Alu Walter. Kostüme: Ingrid Jäger. Musik: Junge Riederinger Musikanten. Darsteller: Maximilian Brückner (Peer Gynt), Ursula Burkhart (Aase, seine Mutter), Tobias van Dieken (Gundbrand u.a.), Sarah Sophia Meyer (Solvejg), Friedrich Mücke (Aslak u.a.), Gabriel Raab (Moen u.a.), Barbara Romaner (Ingrid, Anitra), Hubert Schmid (Ingrids Vater, Koch), Andreas Tobias (Der große Krumme u.a.).

Die Handlung

Peer Gynt ist ein fauler Kerl und Aufschneider, aber toller Fabulierer. Er entführt die Braut eines anderen und geht, er lässt sich mit einer Troll-Frau ein und seine arme Mutter sowie seine große Liebe Solvejg im Stich. Bei seinen Streifzügen durch die weite Welt lebt er skrupellos - immer bedacht darauf, sein Selbst herauszustreichen. Wieder zuhause bedrohen ihn Tod und Teufel. Der Knopfgießer will sein Selbst als Fehlguss wieder zu ungeformter Masse einschmelzen. Peer versucht, seine Individualität zu retten. Das gelingt nicht ihm, sondern Solvejg, weil sie ihn liebt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Glut in der Zwiebel
Zum Auftakt des Münchner Filmfests wird der erste Dokumentarfilm über Bud Spencer uraufgeführt.
Glut in der Zwiebel
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“
Man kann ihn als verrucht und verdorben abtun, man kann allerdings auch die Schuld ein Stück weit bei den Opfern Don Giovannis suchen - so wie es Regisseur Herbert …
Don Giovannis Affären: „Frauen wollen das“
Lyriker Jan Wagner erhält Georg-Büchner-Preis
Die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland geht 2017 an einen Lyriker: Jan Wagner (45) erhält den diesjährigen Georg-Büchner-Preis.
Lyriker Jan Wagner erhält Georg-Büchner-Preis
Filmfest-Chefin Iljine: „Das ist die Krönung“
Am Donnerstag beginnt in der Landeshauptstadt zum 35. Mal das Filmfest München. Wir sprachen mit Chefin Diana Iljine über ihr persönliches Highlight - und die Zukunft …
Filmfest-Chefin Iljine: „Das ist die Krönung“

Kommentare