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Goethe machte aus sich ein Denkmal – diese These will die neue Biografie über den Dichterfürsten belegen.

Neuerscheinung und Lesung

Pegasus und Amtsschimmel

München - Deutschlands Mega-Klassiker: Rüdiger Safranski untersucht in seiner Goethe-Vita dessen „Kunstwerk des Lebens“.

Ein Buch mit hohem Anspruch, das Rüdiger Safranski da mit seiner Goethe-Biografie „Kunstwerk des Lebens“ vorlegt. Nicht nur Vita- und Werkbeschreibung eines großen Mannes möchte sie sein; nein, sie möchte auch die Frage klären, wie Goethe es angestellt hat, sich bereits zu seinen Lebzeiten als der Dichterfürst und Klassiker zu stilisieren. Der ist er bis heute noch geblieben, und im Laufe der Geschichte konnte ihn kein System, die Nazis nicht und die DDR nicht, vom ersten Platz der deutschen Literaten verdrängen. Was ist also dran an diesem „Götz von Berlichingen“, diesem „Werther“, diesem „Faust“, dieser „Iphigenie“, diesem „Tasso“, diesem „Zauberlehrling“ und diesem „Erlkönig“ (die letzteren beiden kommen bei Safranski übrigens nicht vor!), dass kein Schüler an den Gestalten vorbei kann und dass der Name Goethe neben dem seines Freundes Schiller bei Umfragen nach deutschen Literaten immer noch zuerst genannt wird?

Safranski, der morgen im Münchner Literaturhaus liest, steckt sich damit ein hohes Ziel, dem er jedoch nicht ganz gerecht wird. Zur Klärung seines Themas arbeitet er ausschließlich mit Goethes Selbstzeugnissen: Gesprächsaufzeichnungen, Briefen, Tagebuch-Einträgen, der Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ sowie mit Goethes fiktionalen und naturgeschichtlichen Werken. Das ist zumindest der Anspruch. Doch schon der Blick ins Personenregister belehrt eines anderen. Da sind von Freud bis Jaspers viele Persönlichkeiten aufgeführt, die nur einen rückwirkenden Blick auf den längst verstorbenen Meister geworfen haben können.

Die Hauptthese von Safranskis Buch ist, dass Goethe mehrmals in seinem Leben einen völligen Neuanfang riskierte: einmal, als er 1775 nach der gelösten Verlobung mit Lili Schönemann nach Weimar ging und dem jungen Herzog als Maître de plaisir diente und bei Hofe mehrere Ämter versah; und dann, als er 1786 nach vielen Selbstzweifeln unter falschem Namen nach Italien fuhr, um die Manuskripte zu vollenden, die in Weimar brachlagen. Damit stilisierte Goethe sein eigenes Leben zum Kunstwerk. Nach Weimar zurückgekehrt lernte er, wie Safranski es ausdrückt, „den Amtsschimmel und den Pegasus“ so reiten, dass sich die beiden Rosse nicht leicht in die Quere kamen. Und vor seinem Tod konnte der alte Goethe alles abschließen, vor allem „Faust II“ und „Dichtung und Wahrheit“, „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ allerdings nur formal. Goethe, so Safranski, habe die Lebensaufgabe angenommen, der zu werden, der er war. Deshalb sei sein Leben geglückt.

Safranskis Buch ist in 34 Kapitel eingeteilt, die mit Goethes Geburt beginnen und mit seinem Tode enden. Doch es verläuft nicht ganz chronologisch: Zur Darstellung der Entstehungsgeschichte eines größeren Werks wie des „Faust“ werden vernünftigerweise größere Zeiträume zusammengefasst. Zwischen den Kapiteln sind mit Vorbemerkung, Zwischenbetrachtungen und Schlussbetrachtung persönliche Zusammenfassungen und Kommentierungen Safranskis eingeschaltet, in denen der Biograf selbst spürbar wird und dem Leser seine persönliche Wertung der bisherigen Darstellung gibt.

Safranskis Werk ist da am besten, wo er Goethes philosophischen Hintergrund und den ideologischen Kontext miteinbezieht. Auch die Kapitel über die Freundschaft zwischen Schiller und Goethe, über die der Autor schon 2009 einen Band vorlegte, sind glänzend ausgefallen. Matt dagegen wirkt hingegen etwa seine Schilderung der „Wahlverwandtschaften“, bei der er sich mit einer längeren Inhaltsangabe behilft. Gerade am Ende des Buchs hat der Leser den Eindruck, dass sich die Stringenz ein wenig verliert, Thema und Ziel der Erläuterung aus dem Blickfeld verschwinden.

Überhaupt: Die Gewichtung der Werkmasse ist in Safranskis Goethe-Biografie ebenso ein Problem – im „West-östlichen Divan“ fehlt zum Beispiel die „Selige Sehnsucht“, der Schlüssel zum Verständnis des ganzen Textes – wie die Ansprache eines einheitlichen Lesepublikums: Während sich einige Passagen zur Ausdeutung der Werke auf einem äußerst einfachen, leicht lesbaren Niveau halten, sind andere etwa zur Philosophie Spinozas sehr fachspezifisch ausgefallen und dürften einen Laien eher überfordern.

Was soll’s? Der Name Rüdiger Safranski steht für Qualität: Man erhält viel Information für vergleichsweise wenig Geld – wenn auch Druckfehler wie die „Kraniche des Abakus“ (statt „Ibykus“, Seite 419) ein wenig belustigen und von der eigenwilligen Hartnäckigkeit des Computer-Rechtschreibprogramms berichten.  Das  weite  Feld Goethe ist freilich mit Safranski bei weitem noch nicht abgegrast.

Von Hildegard Lorenz

Rüdiger Safranski:

„Goethe. Kunstwerk des Lebens“. Hanser Verlag, München, 649 Seiten und 100 Seiten Anhang; 27,90 Euro. Morgen liest der Autor im Münchner Literaturhaus (20 Uhr); Restkarten mit etwas Glück an der Abendkasse.

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