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Statement der Semperoper am Pegida-Jahrestag im Oktober 2015.

Merkur-Interview mit Intendant Rothe 

Semperopern-Chef: "Pegida hat uns sehr geschadet"

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Dresden - Seit bald eineinhalb Jahren demonstriert Pegida regelmäßig auf dem Dresdener Theaterplatz, direkt vor der berühmten Semperoper. Im Merkur-Interview erklärt Intendant Wolfgang Rothe, wie das Haus damit umgeht.  

Fast rund um die Uhr bezieht die Dresdner Semperoper Stellung gegen Fremdenhass und Intoleranz. Auf einem Monitor über dem Hauptportal zeigen derzeit zwischen 6 und 23 Uhr Mitarbeiter ihr Gesicht. Und dies aus gutem Grund: Noch immer ist der Theaterplatz Versammlungsort für Pegida – und eines der weltweit schönsten Opernhäuser damit ungewollt Bühnenbild für Inhumanes. Das Monitor-Projekt ist eine der vielen fantasievollen Aktionen, die sich das Team um den kommissarischen Intendanten Wolfgang Rothe ausgedacht hat.

Herr Rothe, wird die montägliche Menge auf dem Theaterplatz größer oder kleiner? 

WOLFGANG ROTHE: Die Pegida-Kundgebungen finden ja nicht mehr nur auf dem Theaterplatz statt, auch zum Beispiel vor der Frauenkirche, auf dem Neumarkt – oder man macht mal einen Ausflug zu den Freunden von Legida nach Leipzig. Zuletzt wurden hier zwischen 3500 und 4000 Demonstranten gezählt, die Zahl der Gegendemonstranten lag zwischen 300 und 500. Die Menge war durchaus schon größer, das Phänomen ist aber noch sehr, sehr präsent. Die Frage ist nun, wie sich das nach den Wahlerfolgen der AfD weiterentwickelt und inwieweit sich Pegida dadurch im Establishment angekommen wähnt.

Es gab Berichte über Ängste im Ensemble. Über Ballettmitglieder zum Beispiel, die sich montags nicht mehr auf den Theaterplatz trauen. Ist das noch spürbar – oder hat man sich irgendwie mit Pegida arrangiert?

ROTHE: Na ja, ob Arrangement der richtige Begriff dafür ist... Jeder muss für sich lernen, mit etwas Derartigem umzugehen. Wenn man immer wieder mit einem Phänomen konfrontiert wird, ist es natürlich so, dass es Teil unseres täglichen Lebens wird – wobei ich damit die Demonstrationen in keinster Weise verniedlichen will. Die Angst, so spüre ich das im Moment, ist nicht mehr so stark ausgeprägt wie noch vor einiger Zeit.

Fühlen Sie sich als Schauplatz immer noch missbraucht?

ROTHE: Ein Stück weit schon. Allerdings haben wir ja einen guten Weg gewählt, mit dem wir uns positionieren – unsere Fahnen und Banner für Weltoffenheit und Toleranz und unser Monitor mit humanistischen Botschaften der Mitarbeiter zum Beispiel.

Eine Kommunikation zwischen den Fronten ist derzeit nicht möglich, das spürt man nicht nur in Dresden. Glauben Sie, dass Ihre Gegenaktionen in irgendeiner Weise verfangen oder die Demonstranten zum Nachdenken bringen? 

ROTHE: Was ich imponierend finde: Unsere Mitarbeiter beteiligen sich freiwillig an unseren Projekten und zeigen damit Gesicht. Sicher haben Sie Recht mit der Feststellung, dass sich beide Seiten auf ihrer Frontseite quasi eingegraben haben. Es gibt tatsächlich keine Kommunikation, keinen Austausch von Argumenten – und damit keine Annäherung. Dennoch, und damit fühlen wir uns bestätigt, bekommen wir auch gemäßigte Zuschriften zu unserem Monitor-Projekt. „Warum sind Sie gegen uns?“, heißt es da etwa. Wir bringen mit den Aktionen humanistische Grundwerte zum Ausdruck, auf denen unsere Gesellschaft basiert und die in unserer Verfassung verschriftlicht sind – und die auch auf der Bühne regelmäßig thematisiert werden. Man darf sich über unendlich viele Themen im Detail streiten, über Bildungspolitik, Entwicklungspolitik, Finanzpolitik und so weiter. Aber an den Grundfesten darf nicht gerüttelt werden.

Denken Sie schon an neue Aktionen? 

ROTHE: Ja. Aber es gibt schon Initiativen, die wir nicht groß nach außen tragen, auch auf privater Mitarbeiterebene. Wir wollen zum Nachdenken anregen, sicher auch überspitzen, aber nicht auf Konfrontationskurs gehen. Ziel muss es sein, dass über den eigenen Standpunkt nachgedacht wird – und dieser gegebenenfalls nachjustiert wird.

Roland Kaiser hat vor seinen Dresdner Fans Haltung gezeigt, es gibt bundesweit Theateraktionen. Trotzdem machen nicht so furchtbar viele Prominente den Mund auf. Fühlen Sie sich allein gelassen?

ROTHE: Ich habe schon das Gefühl, dass entscheidende Personen Haltung beweisen und sie ihre Verantwortung erkennen. Viele wählen den Weg über die Sozialen Medien und nehmen einen Shitstorm in Kauf, der oft über das hinausgeht, was Gesetze in Deutschland zulassen. Umgekehrt mag das manche abschrecken, die sich eigentlich äußern wollen. Ich kann aber auch nicht abstreiten: Von dem einen oder anderen Promi hätte ich mir mehr erwartet.

Haben Sie noch mit sinkender Kartennachfrage zu kämpfen?

ROTHE: Wir hatten zwischendurch Situationen, bei denen man von einer Nachfragedelle sprechen kann. Zum Beispiel nach dem 19. Oktober 2015, der Pegida-Jahrestag führte bekanntlich in Dresden zu Ausschreitungen. Sechs Wochen lang ging da der Verkauf zurück. Das hat sich wieder normalisiert. Im Moment höre ich, dass es bestens läuft. Wir haben gerade mit dem Vorverkauf für die gesamte nächste Spielzeit begonnen. Da wird sich zeigen, welche nachhaltigen und langfristigen negativen Auswirkungen die Demonstrationen haben. Grundsätzlich nehmen wir Karten nicht zurück. Im Ausnahmefall nehmen wir welche in Kommission – erst wenn wir diese also weiterverkaufen können, gibt es das Geld zurück. Ende des vergangenen Jahres ist das im Fall von ausländischen Besuchern passiert. Manche kommen ja aus Übersee. Und nach den Attentaten von Paris, das zum Beispiel für japanische Touristen quasi ums Eck liegt, nahmen einige Gruppen aufgrund von Sicherheitswarnungen von einem Dresden-Besuch Abstand.

Also alles wieder einigermaßen im Lot? 

ROTHE: Was ich feststellen kann: Der Nachfrageüberhang hat sich verringert. Wenn ich also in der Vergangenheit bei besonders attraktiven Vorstellungen die Semperoper mindestens zweimal verkaufen könnte, ist das nun nicht mehr möglich. Was außerdem eine Rolle spielt: Es gibt ein traditionell großes russisches Tourismusinteresse an Dresden, das hängt auch mit direkten Flugverbindungen zusammen. Wir in der Oper haben zwar einen sehr geringen russischen Besucheranteil, die Museen allerdings einen großen. Durch die politische Konfrontation Europa-Russland, auch durch den Konflikt in der Ukraine, erleben die Museen einen Einbruch. Man muss also differenzieren. Trotzdem sind das alles Signale. Pegida hat dem Image Dresdens deutlich geschadet. Ich bekomme Briefe und E-Mails, da heißt es sinngemäß: „Herr Rothe, wir kommen pro Jahr vier- bis fünfmal in die Semperoper, aber jetzt erst mal nicht mehr.“

Das Gespräch führte

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